Ohne die Liebste ist keine Freude
1621Kan die Welt auch wohl bestehen ohn der Sonnen klahres Liecht? kan man in der Nacht auch sehen / wenn da Stern und Mond gebricht? kan ein Schiffman auch wohl lachen wenn sein Schiff begündt zu krachen? Eben wenig kan ich leben / wenn mir meine Dorile / nicht ihr klares Liecht wil geben; Eben wenig ich besteh / wenn sie nicht mein Schiff regieret / und durch ihre Freundschafft führet. Springt ein Rehbock bey der Mutter / mehr nicht / als er sonsten tuht? hat ein Pferd bey vollem Futter / auch nicht einen frischen Muht? Also kan ich besser leben / wenn ihr Liecht mir wird gegeben. Zweyen Herzen / die sich lieben / ist die allerhöchste Pein / und das grösseste Betrüben / wenn sie nicht zusammen sein / weil sie sonsten nichts gedencken / alß nur Arm in Arm zu schrenken. Wie die Ulmen üm den Reben gleichsam als verliebt sich drehn: Also wündsch ich auch / mein Leben / bey dir umgefast zu stehn / und dir etwas vor zusagen von den süssen Liebes=Plagen. Darüm wil ich mich bemühen auff mein Fretow hinzuziehn / und mein Leben selbst nicht fliehen / weil ich sonst erstorben bin / alß denn wird sie mich erfreuen / und mir meinen Geist verneuen. Darüm wil ich gerne lassen der Tollense Liebligkeit / wil mein Leben selbst nicht hassen / weil es nuhr erlaubt die Zeit; weg mit disen schlechten Auen / ich wil bald mein Fretow schauen.
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Interpretation
Das Gedicht "Ohne die Liebste ist keine Freude" von Sibylla Schwarz beschreibt die tiefe Abhängigkeit des lyrischen Ichs von seiner Geliebten Dorile. Das Gedicht beginnt mit einer Reihe von rhetorischen Fragen, die die Unmöglichkeit des Lebens ohne die Liebste verdeutlichen. So wie die Welt ohne die Sonne nicht existieren kann und ein Schiff nicht ohne Steuerung sicher fahren kann, kann das lyrische Ich ohne Dorile nicht leben. Dorile wird als Quelle des Lichts und der Führung dargestellt, die das Leben des lyrischen Ichs erst lebenswert macht. In den folgenden Strophen wird die Intensität der Liebe und das Leid der Trennung betont. Das Gedicht vergleicht die Liebe des lyrischen Ichs mit der natürlichen Verbundenheit von Tieren zu ihren Müttern und der Verschlingung von Ulmen um Reben. Die Trennung von der Geliebten wird als größtes Leid und Betrübnis beschrieben, da die Liebenden nur den Wunsch haben, zusammen zu sein und sich in den Armen zu liegen. Das lyrische Ich sehnt sich danach, sein Leben um die Geliebte zu schlingen und ihr von den süßen Liebesqualen zu erzählen. Das Gedicht endet mit dem festen Entschluss des lyrischen Ichs, sich auf den Weg nach Fretow zu machen, um seine Geliebte wiederzusehen. Das lyrische Ich ist bereit, die Schönheit der Tollense aufzugeben und sein Leben nicht zu hassen, da es nur eine begrenzte Zeit hat. Die Sehnsucht nach der Wiedervereinigung mit Dorile ist so stark, dass das lyrische Ich bereit ist, alles andere zu vernachlässigen und sich ganz auf die Liebe zu konzentrieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- und dir etwas vor zusagen / von den süssen Liebes=Plagen
- Hyperbel
- weil ich sonst erstorben bin
- Metapher
- Darum wil ich mich bemühen / auff mein Fretow hinzuziehn
- Parallelismus
- Kan ein Schiffman auch wohl lachen / wenn sein Schiff begündt zu krachen?
- Personifikation
- wenn sie nicht mein Schiff regieret / und durch ihre Freundschafft führet
- Rhetorische Frage
- Kan die Welt auch wohl bestehen ohen der Sonnen klahres Liecht?
- Vergleich
- Eben wenig kan ich leben / wenn mir meine Dorile / nicht ihr klares Liecht wil geben