Oh wie fühl ich still zu dir hinüber

Rainer Maria Rilke

1875

Oh wie fühl ich still zu dir hinüber, oh wie gehen mir von deinem Bild steigende Gefühle flutend über. Ungeheuer ist mein Herz gewillt.

In dem Raume, den ich in mich schaute aus dem Weltraum und dem Wind am Meer, gehst du, unbegreifliche Vertraute, wie sein eigenstes Geschöpf umher.

Nun erst schließ ich, ach nach wieviel Zeiten meine Augen über mir; nun mag keine Sehnsucht mehr mich überschreiten; denn vollendeter wird Nacht und Tag.

Schau ich aber leise auf, so heilt mir die Welt am milderen Gesichte -, oh so war ja doch: daß ich verzichte, allen Engeln noch nicht mitgeteilt.

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Interpretation

Das Gedicht "Oh wie fühl ich still zu dir hinüber" von Rainer Maria Rilke handelt von einer tiefen, fast spirituellen Verbindung zwischen dem lyrischen Ich und einer geliebten Person. Die Stille und Intensität dieser Verbindung werden durch die Metapher eines überströmenden Gefühlsfluts ausgedrückt. Das Herz des lyrischen Ichs wird als "ungeheuer" beschrieben, was die überwältigende Natur dieser Emotionen unterstreicht. In der zweiten Strophe wird die Intimität dieser Beziehung noch weiter vertieft. Die geliebte Person bewegt sich in einem inneren Raum des lyrischen Ichs, der mit dem Universum und dem Meer verglichen wird. Diese Person wird als "unbegreifliche Vertraute" bezeichnet, was ihre geheimnisvolle und zugleich vertraute Natur betont. Sie bewegt sich wie ein eigenes Geschöpf in diesem inneren Raum, was ihre Integration in die innerste Welt des lyrischen Ichs verdeutlicht. Die dritte Strophe markiert einen Wendepunkt. Nach langer Zeit schließt das lyrische Ich seine Augen über sich, was eine Art innere Versenkung oder Meditation andeutet. Die Sehnsucht kann nicht mehr übersteigen, da Nacht und Tag vollkommener werden. Dies könnte bedeuten, dass das lyrische Ich einen Zustand der inneren Ruhe und Vollendung erreicht hat. In der letzten Strophe wird die Welt durch den milderen Anblick der geliebten Person geheilt. Das lyrische Ich hat auf etwas verzichtet, was noch nicht einmal den Engeln mitgeteilt wurde. Dies könnte auf eine tiefgreifende, vielleicht sogar opferbereite Liebe hindeuten, die über das menschliche Verständnis hinausgeht.

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Stilmittel

Metapher
daß ich verzichte
Personifikation
Ungeheuer ist mein Herz gewillt