Oh wie fühl ich still zu dir hinüber
Oh wie fühl ich still zu dir hinüber,
oh wie gehen mir von deinem Bild
steigende Gefühle flutend über.
Ungeheuer ist mein Herz gewillt.
In dem Raume, den ich in mich schaute
aus dem Weltraum und dem Wind am Meer,
gehst du, unbegreifliche Vertraute,
wie sein eigenstes Geschöpf umher.
Nun erst schließ ich, ach nach wieviel Zeiten
meine Augen über mir; nun mag
keine Sehnsucht mehr mich überschreiten;
denn vollendeter wird Nacht und Tag.
Schau ich aber leise auf, so heilt
mir die Welt am milderen Gesichte -,
oh so war ja doch: daß ich verzichte,
allen Engeln noch nicht mitgeteilt.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Oh wie fühl ich still zu dir hinüber“ von Rainer Maria Rilke drückt eine tiefe, kontemplative Hingabe und Verehrung aus, die in der Begegnung mit einem geliebten Menschen ihren Höhepunkt findet. Die Sprache ist geprägt von innerer Ruhe und einem Gefühl des Ankommens, des Findens von Frieden und Erfüllung. Das lyrische Ich befindet sich in einem Zustand des Aufgehens in der Anwesenheit der geliebten Person, wobei Gefühle wie eine Flut über ihn hereinbrechen und das Herz von unbändiger Hingabe erfüllt wird.
Das Gedicht entfaltet sich in einer Reihe von Bildern, die die Intensität dieser Erfahrung verdeutlichen. Die „ungeheuere“ Willenskraft des Herzens zeugt von einer tiefen, unerschütterlichen Liebe. Die Geliebte wird als „unbegreifliche Vertraute“ beschrieben, die in der „Raume“ des lyrischen Ichs wandelt, vergleichbar mit einem Geschöpf, das untrennbar zur Welt gehört. Dieser Raum, der aus Weltraum, Wind und Meer geschaffen wird, deutet auf eine umfassende innere Welt hin, in der die Geliebte eine zentrale Rolle spielt. Der Verzicht auf äußere Sehnsüchte im dritten Vers deutet auf ein inneres Ankommen und das Finden von Vollkommenheit hin.
Die Schlussstrophe offenbart eine weitere Ebene der Bedeutung. Durch das „leise Aufschauen“ heilt sich die Welt im „milderen Gesichte“, was auf eine transformierende Kraft der Liebe hinweist. Die Erkenntnis, dass das lyrische Ich „allen Engeln noch nicht mitgeteilt“ hat, deutet auf eine Sehnsucht nach noch größerer Vollkommenheit und einer noch umfassenderen Liebe. Es ist ein Moment des Verharrens und vielleicht sogar des Zögerns, in dem die unendliche Tiefe der Erfahrung und die Sehnsucht nach weiterer Erschließung zum Ausdruck gebracht werden.
Insgesamt ist das Gedicht eine Hommage an die transformative Kraft der Liebe und die Innigkeit zwischen zwei Menschen. Es ist ein Ausdruck der tiefsten Sehnsüchte, der Erkenntnis und des Findens von Erfüllung in der Begegnung mit einem geliebten Menschen, der als Quelle von innerem Frieden und Vollkommenheit gesehen wird. Die ruhige Sprache und die sorgfältig gewählten Bilder unterstreichen die Tiefe und Intimität dieser Erfahrung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.