Oft in der stillen Nacht
1892Oft in der stillen Nacht, wenn zag der Atem geht und sichelblank der Mond am schwarzen Himmel steht,
wenn alles ruhig ist und kein Begehren schreit, führt meine Seele mich in Kindeslande weit.
Dann seh′ ich, wie ich schritt unfest mit Füßen klein, und seh′ mein Kindesaug′ und seh′ die Hände mein
und höre meinen Mund, wie lauter klar er sprach und senke meinen Kopf und denk′ mein Leben nach:
Bist du, bist du allweg gegangen also rein, wie du gegangen bist auf Kindes Füßen klein?
Hast du, hast du allweg gesprochen also klar, wie einsten deines Munds lautleise Stimme war?
Sahst du, sahst du allweg so klar ins Angesicht der Sonne, wie dereinst der Kindesaugen Licht?
Ich blicke, Sichel, auf zu deiner weißen Pracht; tief, tief bin ich betrübt oft in der stillen Nacht.
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Interpretation
Das Gedicht "Oft in der stiller Nacht" von Otto Julius Bierbaum handelt von einer nostalgischen Reise in die Kindheit des lyrischen Ichs. In der stillen Nacht, wenn alles ruhig ist und der Mond am Himmel steht, führt die Seele des Sprechers in die Vergangenheit zurück. Dort sieht er sich selbst als Kind, beobachtet seine kleinen Füße, sein kindliches Auge und seine Hände. Er hört seine klare Stimme und reflektiert über sein Leben. In den folgenden Strophen stellt sich das lyrische Ich selbstkritische Fragen über sein Leben. Es fragt sich, ob es immer so rein und klar geblieben ist wie in seiner Kindheit. Die Fragen beziehen sich auf das Gehen, Sprechen und Sehen - also auf die grundlegenden menschlichen Fähigkeiten. Das lyrische Ich zweifelt daran, ob es diesen Idealen gerecht geworden ist. Im letzten Vers kehrt der Sprecher in die Gegenwart zurück und blickt auf den Mond. Die Erinnerung an die Kindheit und die Selbstreflexion haben ihn tief betrübt. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Melancholie und der Erkenntnis, dass das Ideal der Kindheit im Erwachsenenleben vielleicht nicht erreicht wurde.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- sichelblank der Mond
- Anapher
- wenn alles ruhig ist... wenn zag der Atem geht
- Bildlichkeit
- Kindeslande
- Kontrast
- tief, tief bin ich betrübt oft in der stillen Nacht
- Metapher
- sichelblank der Mond am schwarzen Himmel steht
- Parallelismus
- Bist du, bist du allweg... Hast du, hast du allweg... Sahst du, sahst du allweg
- Personifikation
- wenn zag der Atem geht