Offener Antrag auf der Straße

Joachim Ringelnatz

1929

Ich habe einen Frisiersalon. Komm mit. Dort wollen wir knutschen. Ich wollte, ich wäre ein Malzbonbon Und du, du würdest mich lutschen.

Wir geben dem Lehrbub den Nachmittag frei Und schreiben “Geschlossen bis sieben”. Ich habe Rotwein im Laden und drei Dicke Roßhaarsäcke zum Lieben.

Ich werde dich unentgeltlich frisiern Und dir die Nägel beschneiden. Du brauchst dich gar nicht vor mir geniern, Denn ich mag dicke Fraun leiden.

Ich habe auch Schwarzbrot und Butter und Quark Und außerdem einen großen - - Donnerwetter sind deine Muskeln stark! Du, zeig mal: was hast du für Hosen?

Wenn du dann fortgehst, bedanke dich nicht, Sondern halt es mit meinem Freund Franke. Der sagt immer, wenn man vom lieben Gott spricht: “Wem′s gut geht, der sagt nicht danke.”

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Illustration zu Offener Antrag auf der Straße

Interpretation

Das Gedicht "Offener Antrag auf der Straße" von Joachim Ringelnatz ist eine humorvolle und zugleich freche Annäherung eines Frisörsalonbesitzers an eine Passantin. Der Sprecher nutzt seine berufliche Umgebung als Kulisse für eine unkonventionelle Verführung. Er lädt die Frau in seinen Salon ein, wo sie ungestört sein werden, da der Lehrbub freigegeben und der Laden geschlossen wird. Der Ton des Gedichts ist direkt und unverblümt, was die ungewöhnliche und komische Natur der Situation unterstreicht. Der Frisör bietet der Frau nicht nur seine Dienste an, sondern auch Speisen und Getränke, was auf eine Art Gastfreundschaft hindeutet, die über das Übliche hinausgeht. Die Erwähnung von "Rotwein" und "Roßhaarsäcken" (vermutlich als Euphemismus für Kissen oder Betten) lässt auf eine Atmosphäre schließen, die sowohl komfortabel als auch intim ist. Die Einladung, sich nicht "genieren" zu müssen, und die explizite Vorliebe für "dicke Frauen" zeigen eine unkonventionelle und offene Haltung des Sprechers gegenüber Körperlichkeit und Attraktivität. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Wendung, als der Frisör die Frau auffordert, sich nicht zu bedanken, sondern sich an seinen Freund Franke zu halten, der der Meinung ist, dass man nicht "danke" sagen sollte, wenn es einem gut geht. Dies könnte als eine Art Lebensphilosophie interpretiert werden, die das unmittelbare Erleben über formelle Dankesbekundungen stellt. Insgesamt präsentiert das Gedicht eine skurrile und humorvolle Szene, die die Grenzen des Anstands spielerisch auslotet.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Allusion
Der sagt immer, wenn man vom lieben Gott spricht: 'Wem's gut geht, der sagt nicht danke.'
Anspielung
Ich habe Rotwein im Laden und drei Dicke Roßhaarsäcke zum Lieben
Bildsprache
Ich werde dich unentgeltlich frisiern Und dir die Nägel beschneiden
Hyperbel
Donnerwetter sind deine Muskeln stark
Metapher
Ich wollte, ich wäre ein Malzbonbon
Personifikation
Ich mag dicke Fraun leiden