Oetingers Mantel

Christian Friedrich Daniel Schubart

1787

Als den Elias unsrer Zeit, Als ein Cherubswagen Ins Reich von Christus Herrlichkeit In sanftem Säuseln aufgetragen, Ließ er den Mantel schnell von Strahlenschultem fliegen; Er wogte durch die Luft herab - Und blieb an des Propheten Grab In sanftem Mondenschimmer liegen. Viel Modeweise unsrer Zeit, Zu blind für verborgne Herrlichkeit, Und stolz auf ihr Gewand von Spinneweben, Verachteten den Mantel; ihn Vom Grab nur aufzuheben, War viel zu klein für ihren stolzen Sinn. Auch kam auf seinem Riesengange Zum Hügel , und funkelt lange Mit Augenblitz den Mantel an; Doch wandelt′ er mit kühnen Schritten Bald wieder fort auf seiner Bahn, Und dacht′: Mein Mantel ist aus gleichem Stoff geschnitten. Auch , des Todten Jünger kam, und stumm Blieb er am Hügel seines Lehrers stehen; Sah demuthsvoll hinauf zu Gottes Höhen, Bückt′ sich, und warf den Mantel um.

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Illustration zu Oetingers Mantel

Interpretation

Das Gedicht "Oetingers Mantel" von Christian Friedrich Daniel Schubart erzählt von einem prophetischen Mantel, der nach dem Tod seines Trägers auf dessen Grab liegt. Der Mantel symbolisiert die spirituelle und intellektuelle Nachfolge, die der Prophet Elias hinterlässt. Der Mantel wird von vielen Menschen der Zeit ignoriert oder verachtet, da sie blind für die verborgene Herrlichkeit und stolz auf ihre eigene oberflächliche Mode sind. Der Mantel steht somit für eine tiefere, spirituelle Wahrheit, die von der Oberflächlichkeit der Gesellschaft übersehen wird. Einige Menschen kommen zum Hügel, wo der Mantel liegt, und betrachten ihn mit Bewunderung oder Neid. Ein Riese, der mit seinen riesigen Schritten zum Hügel kommt, betrachtet den Mantel mit einem Blitz in seinen Augen, doch geht er bald wieder fort, da er meint, sein eigener Mantel sei aus dem gleichen Stoff geschnitten. Dies deutet auf die menschliche Tendenz hin, sich mit dem zu vergleichen, was man bereits besitzt, anstatt das Einzigartige und Besondere zu erkennen. Schließlich kommt ein Jünger des Toten, der demütig am Hügel seines Lehrers steht. Er blickt demütig zu den Höhen Gottes auf, beugt sich und wirft den Mantel um. Dies symbolisiert die wahre Anerkennung und Annahme der spirituellen Nachfolge. Der Jünger versteht die Bedeutung des Mantels und ist bereit, die Verantwortung und das Erbe seines Lehrers anzunehmen. Er repräsentiert diejenigen, die die wahre Bedeutung und den Wert der spirituellen und intellektuellen Nachfolge erkennen und ehren.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Mein Mantel ist aus gleichem Stoff geschnitten
Personifikation
sah demuthsvoll hinauf zu Gottes Höhen