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Östliches Taglied

Von

Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,
die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.

Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
in der sich Tiere rufen und zerreißen,
ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
ist das uns denn verständlicher als sie?

Man müßte so sich ineinanderlegen
wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
so sehr ist überall das Ungemäße
und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.

Doch während wir uns aneinanderdrücken,
um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
denn unsre Seelen leben von Verrat.

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Gedicht: Östliches Taglied von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Östliches Taglied“ von Rainer Maria Rilke ist eine kontemplative Betrachtung der Liebe und der Unsicherheit des Daseins, eingebettet in die intime Atmosphäre des Liebesaktes. Das Gedicht beginnt mit einer Metapher: das Bett wird mit einer Küste verglichen, was die flüchtige Natur des gegenwärtigen Momentes und die Abgeschiedenheit des Liebendenpaares von der Außenwelt betont. Die „hohen Brüste“ der Geliebten werden als einzig sichere Konstante in dieser unsicheren Umgebung dargestellt, eine physische und emotionale Konstante, die das „Gefühl in Schwindeln überstiegen“ hat, was die überwältigende Natur der Liebe und der Leidenschaft suggeriert.

Die zweite Strophe erweitert die Betrachtung und führt die Außenwelt als Quelle der Beunruhigung ein. Die Nacht, in der sich „Tiere rufen und zerreißen“, wird als „entsetzlich fremd“ empfunden, was eine gewisse Angst vor den Kräften der Natur und der Instinkte widerspiegelt. Die Ankunft des Tages, die traditionell Hoffnung und Erneuerung symbolisiert, wird hier nicht als etwas Positives gesehen. Stattdessen wird sie als ebenso unverständlich und beunruhigend wie die Nacht dargestellt. Dies deutet auf eine Skepsis gegenüber der Gewissheit des Tages und der scheinbaren Klarheit, die er mit sich bringt, und betont die Verwurzelung in der flüchtigen und unvorhersehbaren Natur der Nacht.

In der dritten Strophe wird eine Sehnsucht nach Einheit und Ganzheit ausgedrückt, indem die Liebenden mit Blütenblättern verglichen werden, die sich um die Staubgefäße legen. Diese Metapher steht für den Wunsch, sich gegenseitig zu schützen und ineinander aufzugehen, um der „Ungemäße“, die überall vorhanden ist, zu entgehen. Der „Ungemäße“ wird als etwas beschrieben, das sich „an- und häuft“ und sich „uns entgegen stürzt“, was die Bedrohung, die von der Welt ausgeht, noch verstärkt. Dieser Abschnitt verdeutlicht die Suche nach Geborgenheit und Geborgenheit in der Beziehung, in der Hoffnung, der Welt, die als chaotisch und überwältigend empfunden wird, zu entkommen.

Die letzte Strophe enthüllt die tragische Wahrheit der Beziehung: „denn unsre Seelen leben von Verrat“. Trotz aller Bemühungen, sich zu schützen und zu vereinen, werden die Seelen vom Verrat gezeichnet, was möglicherweise auf die Unfähigkeit der Liebe, die Flucht des Lebens zu überwinden, oder auf die inhärente Unzuverlässigkeit menschlicher Beziehungen anspielt. Die Zeilen lassen den Leser mit einem Gefühl der Melancholie und der Erkenntnis zurück, dass selbst in der intimen Zuflucht der Liebe eine gewisse Unsicherheit und Unbeständigkeit herrscht. Das Gedicht verdeutlicht somit die ambivalente Natur der Liebe – ihre Schönheit, ihre Geborgenheit und ihr Potenzial für Schmerz und Verrat.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.