Oden an seinen Eser (4)
1893Der Städte Raffael ist Neapel, Freund! Das fühlten wohl Roms alte Tyrannen, das Des fels′gen Capris Ungeheuer, Jener bepurpurte blöde Wahnwitz,
Der auf vermeß′ner Brücke Puteolis Meerbusen überschritt, der entmenschte Narr, Der hier gesungen und gebadet, Wo er gemordet die eigne Mutter.
Doch, ob auch Ischia′s feurige Traube mir Nektar verheißt, ob auch um Amalfis Fels Gern meinem Geist in duft′ger Ferne Dorische Tempel dem Meer entsteigen,
Ob auch durchs Schattengrün von Camaldoli Die Vorgebirg′ und blühenden Inseln all′ Im schönen Elemente schimmern Und aus dem Berge Gewölk aufwirbelt,
Doch treibt′s zurück mich. Wehmuth erfüllt mich schon Und kind′sche Wonne, denk′ ich die Säulen mir Der gold′nen Basilik′, an alter Mauer, am stillen begrünten Platze,
Wo an Ramesses thebischem Obelisk Der Brunnen plätschert, einsame Straßen auch, Hier Kuppeln in der Abendröthe, Dort des zertrümmerten Colosseums
In Sonnenflammen athmende Riesenwand Prachtvoll mir zeigen! Trauernde Roma, hier Der Völker großem Gott, dem ew′gen Schicksal geheiligt ertönt mein Lied dir.
Zweimal hast du mit eiserner Hand die Welt Gedrückt, Herrschsüchtige, größer als du war nur Das Schicksal, drum auch zweimal hat′s dir Strafend entwunden den schweren Scepter,
Den Kön′ge, Senatoren, Cäsare einst Geführt, und unerbittlicher noch zuletzt Dreifach gekrönte Priester, deren Heiliger Waffe der Hohenstaufen
Großherz′ger Heldenstamm als ein Opfer sank Der Völkerblindheit, denen die Kaiserhand Den Bügel hielt, und deren Bannstrahl Könige stürzte vom Thron der Väter.
Ach, sänft′ge nun, o Rom, dein tyrannisch Herz, Und beuge dich der Zeit. Der gefallene Herrschgier′ge Engel rang vergebens Einst mit dem Himmel um seine Krone.
Im Grabe deiner großen Auguste, wo Britannicus ein heuchlerisch Todtenmahl Geehrt, vergißt in Spiel und Stierkampf Nun das entartete Volk die Vorwelt.
Des Forums Siegesbögen und Tempel, jetzt Durchzieht sie nur schwermüthiger Mönche Schwarm, Der Wand′rer nur aus fernen Landen, Fremd, wie der Römer im eignen Rom ist.
Eins bleibt dir noch, der himmlische Genius Der Kunst ist′s! Freund, drum laß mich, da Andres nicht Vergönnt ist, einer bessern Zukunft Thaten und Werke der Muse weihen.
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Interpretation
Das Gedicht "Oden an seinen Eser (4)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger thematisiert die Schönheit und den Glanz Neapels, jedoch auch die düstere Vergangenheit der Stadt. Der Autor beschreibt, wie die alten Tyrannen Roms die Schönheit Neapels erkannten und wie der Kaiser Tiberius hier seine grausamen Taten beging. Trotz der Anziehungskraft Neapels wird der Autor von Wehmut erfüllt, wenn er an die Säulen der Basilika in Rom denkt. Er besingt die trauernde Stadt, die zweimal die Welt mit eiserner Hand regiert hat, aber letztendlich vom Schicksal gestürzt wurde. Das Volk hat die Vorwelt vergessen und beschäftigt sich nur noch mit Spiel und Stierkampf. Die einzige Hoffnung liegt in der Kunst, der himmlische Genius, der dem Autor noch bleibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Großherz'ger Heldenstamm
- Hyperbel
- Zweimal hast du mit eiserner Hand die Welt Gedrückt
- Metapher
- Des Forums Siegesbögen und Tempel
- Personifikation
- Des Forums Siegesbögen und Tempel, jetzt Durchzieht sie nur schwermüthiger Mönche Schwarm