Oden an seinen Eser (3)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Komm, Freund, Geleiter bin ich und Führer dir, Komm nach Pompeji. Willig hast du mir stets Geöffnet manchen Quell der Schönheit, Manchen Gedanken von höh′rer Weisheit

Enthüllt vor mir; drum ladet der Dankbare Dich ein zum Weinberg. Hoch an der Ulme rankt Vieläst′ge fruchtbelad′ne Rebe, Wurzelnd und blühend aus tausendjähr′ger

Vulkan′scher Asche. Drunten im großen Grab Schlief eine Stadt, der Götter und Menschen voll, Als noch die Sonn′ ihr schien; verlassen Aber von beiden, da sie des heißen

Schreckbaren Regens tödtlich Gewölk bedeckt, Aus dessen Graus nun wieder der Tempel steigt, Und heit′re Säulen, und das farb′ge Kleine Gemach, die gemalte Hausflur,

Und selbst des Forums tempelumragter Platz, Da längst gestürzt ist früherer Götter Dienst Und jene, die des Donn′rers Adler Und Amathusiens Rosen ehrten,

Des Heidenthums holdsinniger Name schmückt Die Glücklichen! Der kalte Gedanke, wie Empfindung, Wunsch, und Schmerz und Sehnsucht, Alles zum heitern Bild verklärte

Sich ihrem frischen schöpfrischen Geist. O Freund, Komm, sieh und fühl′s hier, offen ist Thür′ und Haus, Komm, dich umfängt der Säulen Anmuth, Dich des verschwiegnen Gemaches Schönheit.

Sagt dir′s nicht selbst die bunte gemalte Wand, Der Arabesken schwärmende Phantasie, Und all′ der Bilder Lieblichkeit nicht, Wie sie gefühlt und gedacht, die Vorwelt?

O Freund, was wären wir, wenn Jahrtausende Zuvor uns dieses Himmels Azur geblüht, Däucht mir doch, jener bessern Zeit ist Wenigstens unsere Freundschaft würdig.

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Illustration zu Oden an seinen Eser (3)

Interpretation

Das Gedicht "Oden an seinen Eser (3)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Einladung an einen Freund, Pompeji zu besuchen. Der Dichter bietet sich als Führer an und erinnert daran, dass der Freund ihm in der Vergangenheit viele Quellen der Schönheit und höherer Weisheit geöffnet hat. Als Dank dafür lädt er den Freund in den Weinberg ein, wo eine alte Rebe an der Ulme wächst, deren Wurzeln in tausendjähriger vulkanischer Asche verankert sind. Das Gedicht beschreibt die unter einer Stadt begrabene Stadt Pompeji, die einst von Göttern und Menschen bevölkert war, aber von beiden verlassen wurde, als sie von einem tödlichen, heißen Regengewölk bedeckt wurde. Nun erheben sich wieder Tempel, Säulen und farbenfrohe Gemächer aus der Asche. Der Dichter erwähnt, dass der Dienst früherer Götter längst gestürzt ist und dass die Glücklichen, die einst den Donnerer und Amathusiens Rosen verehrten, nun von der holdsinnigen Natur des Heidentums geschmückt werden. Das Gedicht schließt mit der Betonung, dass der Freund eingeladen ist, die Schönheit und Anmut der Säulen und Gemächer zu erleben. Die bunten, bemalten Wände und die Phantasie der Arabesken sprechen für sich selbst und zeigen, wie die Vorwelt gefühlt und gedacht hat. Der Dichter fragt sich, was sie ohne die Jahrtausende wären, in denen ihnen dieser Himmel Azur geblüht hat, und findet, dass ihre Freundschaft zumindest einer besseren Zeit würdig ist.

Schlüsselwörter

komm freund manchen schönheit götter säulen gemalte selbst

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Stilmittel

Bildsprache
Sagt dir's nicht selbst die bunte gemalte Wand
Hyperbel
was wären wir, wenn Jahrtausende zuvor uns dieses Himmels Azur geblüht
Metapher
jener bessern Zeit ist Wenigstens unsere Freundschaft würdig
Personifikation
Und all' der Bilder Lieblichkeit nicht