Oden an seinen Eser (2)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1847

Nicht Schlachten will ich preisen, noch Könige Noch forschen, wer Rom′s würd′ger, ob′s Cäsar ist, Ob Brutus, Namen der Geschichte, Glänzende nicht und gerühmte Schatten.

Ich singe meinen Freund, und auf stolzeren, Auf tiefern Wogen kühnen Gesangs sei mir Vergönnt, mit Stromsgewalt und Kraft ihn Jauchzend zu tragen zum Oceane,

Da sich die Zukunft eint mit Vergangenheit, Beid′ aber unvergängliche Gegenwart; Ohn′ Anfang beid′ und ohne Ende, Beide die göttliche Ewigkeit sind.

Dich kenn′ ich, seit ich kenne, was schön ist, Freund, Dich lieb′ ich, seit ich liebe, was gut ist, Freund! In meinem Herzen lebst du einzig, Seit es der delphische Gott bewohnet.

Dein Lob, es dünkte schon mir Unsterblichkeit, Erweckte Blüth′ und Frühling, wie Sonnenschein, Dein Tadel reinigte, gleich Wettern, Dünste der Erde, die mich umfiengen.

Entrissen sind wir uns, und im kalten Hauch Des Nordens athmest Seufzer der Sehnsucht du Nach meinem Süden, wo einst Menschen Wandelten besserer Art, dir ähnlich.

Dir hat, uralter röm′scher Tage werth, Kraftvollen Geists und hohen Gemüths ein Weib Das Leben schön begränzt und ewig Hält in ermüdender Wirksamkeit es

Lebendig dir der Grazie schönern Dienst: Mir nimmt aufopfernd keines des Herzens Gram Und Sorg′ ab, kein verjüngtes Abbild Lächelt mir zärtlich mein Selbst entgegen.

Die Gräber Roms sind meine Vertrauten nur; Oftmals jedoch am Fuße des aschigen Vulkans, am blauen Meer, im Glanze Parthenopeischer Lüfte fühl′ ich

Die Seel′ aus jener Gräber Melancholei Erstehn, mit Psyches seliger Lust am Strand Des Lethe schwärmen, und in Düften Schwelgen der purpurnen Hesperiden.

Wenn dann in Bajä′s trümmerumgeb′nem Golf, Wo gern im Kahn ich über die Spiegelfluth Hingankle zu Misenums Felsen, Oder zum Tempelgewölb′ der Venus,

Mir wohl erhab′ne Namen der Vorwelt sich Gebietrisch zeigen, bringst dem gepeinigten Orest doch du des weisern Freundes Theuerstes, heiligstes Bild zurücke.

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Illustration zu Oden an seinen Eser (2)

Interpretation

Das Gedicht "Oden an seinen Eser (2)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Hommage an einen Freund, den der Dichter als Inbegriff von Schönheit und Güte verehrt. Im Gegensatz zu den heroischen Themen von Schlachten und Königen, die oft in der Dichtung besungen werden, richtet Waiblinger seinen Blick auf die tiefe Freundschaft und die unsterbliche Natur des menschlichen Geistes. Er singt von der Kraft und dem Mut, seinen Freund auf den Wellen des Gesangs zum Ozean der Ewigkeit zu tragen, wo sich Zukunft und Vergangenheit in einer göttlichen Gegenwart vereinen. Waiblinger beschreibt die tiefe Verbundenheit zu seinem Freund, die er als etwas Unvergängliches und Göttliches empfindet. Seitdem er Schönheit und Güte kennt, kennt und liebt er seinen Freund. Dieser lebt einzig in seinem Herzen, seit es von einem göttlichen Geist bewohnt wird. Die Worte des Freundes haben die Kraft, Unsterblichkeit zu verleihen, Leben und Frühling zu erwecken, und seine Kritik hat die reinigende Wirkung von Stürmen. Die Freundschaft überwindet die räumliche Trennung und die Sehnsucht des Freundes nach dem Süden, wo einst bessere Menschen wandelten, die ihm ähnlich waren. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert Waiblinger über die Einsamkeit und die Melancholie, die ihn umgeben, doch findet er Trost in der Erinnerung an seinen Freund. Die Gräber Roms sind seine einzigen Vertrauten, doch in der Schönheit der Landschaft um Neapel und in der Erinnerung an die Namen der Vorwelt findet er eine seelische Erhebung. Die Freundschaft zu seinem Freund, Orestes, gibt ihm die Kraft, die gepeinigte Seele zu beruhigen und das wertvollste und heiligste Bild des weisen Freundes zurückzubringen.

Schlüsselwörter

freund seit namen beid schön gräber schlachten will

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Stilmittel

Metapher
des weisern Freundes / Theuerstes, heiligstes Bild
Personifikation
Namen der Geschichte