Oden an seinen Eser (1)

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Verschied′nes Lob ist jedem. Mir sei der Kranz, Der weinlaubduft′ge, den mir die Götterhand Des holden schöpferischen Jünglings Drückt in die Schläfe, mir sei Begeist′rung!

Sei′s, daß verblühter Frühlinge Liebeslust Voll Nachtigallenstimmen, voll Mädchenreiz, Sei′s, daß der traur′gen Herbste Schwermuth Wieder ins klagende Herz zurückkehrt:

Sei′s, daß Neapels Inseln der Fabel Duft, Und der Geschichte lebenerweckende Gluthvoller Hauch mit Morgenröthen, Strömen von purpurnem Blut verkläre,

Daß in Sorrents Orangengeruch, am Fels, Den mir die Fluthen klarer als Aug′ und Herz Des reinsten Engels wiederstrahlen, Tasso′s gereinigter Geist mir aufsteigt,

Daß mir des Dreizacks schrecklicher Gott am Strand Tyrrhen′schen Meers der Säulen gigant′sche Pracht, Den Tempelbau mir zeigt, der ewig Wie das unsterbliche Element ist.

Stets fühl′ ich mir das glühende Herz bewegt: Dem Gold vergleich′ ich seine Gedanken, die Erst roh und unrein, endlich lauter Aus der Begeisterung Flamme springen.

Dann nicht der Erde kleinliche Sorgen mehr, Der Noth unbeugsam drückende Kraft, den Sieg Nur fühl′ ich, den ich mir erkämpfe, Fühle den Stolz nur des nahen Lorbeers.

Schon in den Blüthen ehrt man die Frucht. Am Grab Achills einst stand der junge Eroberer Und weint′: in Einer Thräne glänzten Alle Triumphe der künft′gen Hoheit.

Blind treibt der Gott, der innre, beseelende, So in der Knospe, daß sie zur Rose sich Entfalte, wie im Menschenherzen, Daß es zu höherem Wort sich öffne.

Der Berg Vesuv auch, wenn ihn des Feuers Strom, Dem Weine gleich, der über den Becher schwillt, Bis an den Kranz füllt, strudelt schäumend Herrliche Gluth in die schöne Nacht aus.

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Illustration zu Oden an seinen Eser (1)

Interpretation

Das Gedicht "Oden an seinen Eser (1)" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine Ode an die Inspiration und die kreative Begeisterung. Der Sprecher preist die "weinlaubduftige" Kranz, die ihm die "Götterhand" des "holden schöpferischen Jünglings" auf die Schläfe drückt. Er fühlt sich begeistert von der Liebe des Frühlings, der Schwermut des Herbstes, dem Duft Neapels und der Geschichte, dem Orangenduft in Sorrento und dem Geist Tassos. Auch die gigantische Pracht des Tempels am Tyrrhenischen Meer beeindruckt ihn tief. Das Gedicht ist erfüllt von einer starken Begeisterung für die Schönheit der Natur, die Kunst und die Geschichte. Der Sprecher vergleicht seine Gedanken mit Gold, das erst roh und unrein aus der Flamme der Begeisterung springt, um sich dann zu reinigen. Er fühlt sich von der Kraft der Kreativität beseelt und strebt danach, den Sieg und den Stolz des nahen Lorbeers zu erlangen. Das Gedicht endet mit einem Verweis auf den Berg Vesuv, der wie ein Weinbecher mit dem Strom des Feuers gefüllt ist und herrliche Glut in die schöne Nacht ausstrudelt. Dieses Bild symbolisiert die unendliche Kraft der Inspiration und der Kreativität, die den Sprecher immer wieder aufs Neue begeistert und zu Höherem treibt.

Schlüsselwörter

herz kranz voll gen gott fühl verschied nes

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Neapels Inseln der Fabel Duft
Bildsprache
Des Feuers Strom, dem Weine gleich
Metapher
Bis an den Kranz füllt, strudelt schäumend herrliche Gluth in die schöne Nacht aus
Personifikation
Der Gott, der innre, beseelende