Ode I. Galathee.
1624Coridon der gieng betrübet An der kalten Cimbersee / Wegen seiner Galathee / Die er vor so sehr geliebet / Die jhm vor so sehr behagt Eh′ er ward von jhr verjagt. Seit daß ich hinweg bin kommen / Seit daß wir geschieden seyn / Sang er / hat deß Mondens schein Viermal ab vnd zugenommen: Galathee / so lange Zeit Bin ich von dir allbereit. Nun du wirst dich noch besinnen Daß ich bey dir gantz vnd gar Fuß zu halten willens war / Vnd auch kaum gesegnen können: Rawe Heidelberg mich sehr / Du viel tausend mal noch mehr. Galathee / ich were blieben / Vngeschewt der Kriegesnoth; Der verlacht Gefahr vnd Tod Welcher trewlich pflegt zu lieben: Aber es ist dir wol kundt Daß es gar bey mir nicht stundt. Ich zoh hin von meinen Schaffen / War auch schon biß an den Mayn; Doch es wolte gantz nicht seyn / Ich vermochte nicht zu schlaffen / Biß ich wieder zu dir kam / Vnd noch einmal Abschied nahm. Dann must′ ich / was solt ich machen? Wieder auff mein Franckfurt zu: Tityrus der sprach: wie nu? Wie stehts jetzund umb die Sachen? Mich bedüncket gantz vnd gar / Daß dir vor viel besser war. Tityrus ist recht gewesen; Ich ward jmmer ärger kranck: Thyrsis gab′ mir einen Tranck / Ob ich köndte so genesen; Aber alle Kräuterkunst War vergebens vnd vmbsunst. Keiner Müh′ hab′ ich geschonet / Schifft′ hin in das Niederlandt; Leyden wird die Stadt genanndt / Da der grosse Daphnis wohnet; Daphnis der berümbte Mann / Der so trefflich spielen kan. Ich kam zu jhm / wolte singen Wie zu Heidelberg vorhin: Nein / es schlieff mir Muth vnd Sinn; Alle Worte must′ ich zwingen. Bloß mein Schatten gieng allhier / Ich war nirgend als bey dir. Doch er ließ es jhm gefallen / Sagte: wol mein Coridon / Fahre fort; dein guter Thon Kan noch weit vnd breit erschallen: Es war aber nicht vor mich; Ich gedachte nur an dich. Bin ich vnten oder oben / Es gilt alles eben viel / Vnd was hilfft es das mein Spiel Alle die es hören loben / Du hergegen / O mein Liecht / Die ich lobe hörst es nicht? Nachmals kam ich zu den Friesen / Sah′ ihr schönes Vieh da stehn / Vnd im feisten Grase gehn / Vnd die Lämmer auff den Wiesen: O wie wol ist doch daran / Sprach ich / der so leben kan! Nun ich wil euch gar nicht neiden / Ja ich wüntsche noch darzu Daß jhr lange Zeit in Rhu / Liebe Hirten / möget weiden. Aber ich hier vnbekandt Flieh′ anjetzt mein Vatterlandt. Jhr köndt singen bey den Quellen / Daß man höret weit vnd breit Von der schönen Freundligkeit Das gestade Wiederschellen: Ich muß singen auff der See: Wo ist meine Galathee? O wie bistu so verdrungen! Wo ist jetzt die Herrligkeit / Corydon / wie vor der Zeit? Nun sing wie du vor gesungen: Galathee / bey dir allein Wil ich jetzt vnd jmmer seyn. Geh′ jetzund hin zu dem Brunnen / Da deß Wolffes strenge Macht Mutter Jetten vmbgebracht / Da sich offtes durch der Sonnen Heisse Stralen angeregt Galathee zu dir gelegt; Da sie dich mit vielen Küssen In die weissen Armen schloß; Da du in der zarten Schoß Deine Lust recht kondtest büssen: Aber jetzt / O Corydon / Ach wie weit bistu darvon! Nun wir haben es erlebet / Was du / Gott / verhangen hast / Daß bey vns ein frembder Gast Auff den schönen äckern gräbet: Was wir haben außgestrewt / Wird von andern abgemeyt. Wol dem der sein Feld kan bawen / Lieben Schäffer / gleich wie jhr / Darff sein Leben nicht mit mir Nur dem blossen Winde trawen: Jhr habt ewer Vattergut / Ich muß auff die wüste Flut. Nach dem hin vnd wieder ziehen Kam ich endlich doch hieher / Galathee / weit vber Meer: Weiter kan ich nun nicht fliehen; Weiter fliehen kan ich nicht / Weil mir Wind vnd See gebricht. Wo die Schiffe vor geflossen / Da liegt scharffes Eiß vnd Schnee. Dieses Vfer da ich geh Hat der Winter gantz verschlossen; Vor der grünen Felder Lust Ist hier lauter Reiff vnd Frost. Nun ich wolte gerne leiden Was ich immer leiden soll; Ja / mir were gantz so wol / Wann ich dich nicht dörffte meiden: Alle Trawrigkeit vnd Pein Fühl ich nur von wegen dein. Alle Nacht pflegt mir zu träumen Wie ich bey dem Necker sey / Wie ich aller Sorgen frey Bey den rauchen Kestenbäumen Mit dir / liebe Galathee / Oepffel auff zu lesen geh. Dein Verstand vnd kluge Sinnen / Die mir meine liessen nicht / Deiner schönen Augen Liecht / Die ich muste lieb gewinnen / Deiner roten Lippen Ziehr Sind ohn vnterlaß allhier. Gantz verstarret vnd erfroren Durch den Schnee vnd strengen Nort Jrr′ ich offters vmb den Port / Ruffe dir die ich verlohren. O vergebens / Corydon / Sie ist allzuweit hiervon. Täglich geht die Sonne nieder Steht auch täglich wider auff / Vnd helt jhren alten Lauff; Aber wann seh′ ich dich wieder? Ach / wie weit ist doch der Tag / Daß ich dich vmbfangen mag! Manches Land muß ich noch sehen / Vnd mich lassen hin vnd her Durch das weite wilde Meer Manche rauhe Winde wehen / Eh′ ich / reicht mir Gott die Hand / Schawen kan mein Vaterland. Vnterdessen meine Frewde / Galathee gehab dich wol / Biß ich / wo ich leben soll Weit von Trawren vnd von Leide Bey den meinen vnd bey dir Bleiben werde für vnd für. Dieses Vfer wil ich haben; Galathee in deiner Schoß Kan ich werden frey vnd loß; Hier wil ich mein Leyd vergraben: Hier soll weit von Angst vnd Pein Meiner Reise Ruhstadt seyn. Also sang er / daß die Wellen Vnd das Vfer an der See Galathee / O Galathee / Sämptlich muste wiederschellen / Biß die Abendröthe kam / Vnd die Nacht den Tag weg nahm.
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Interpretation
Das Gedicht "Ode I. Galathee" von Martin Opitz handelt von der Sehnsucht und Trauer des Schäfers Coridon nach seiner Geliebten Galathee. Coridon singt ein Klagelied, in dem er seine tiefe Liebe zu Galathee ausdrückt und seine Verzweiflung darüber, von ihr getrennt zu sein. Coridon erinnert sich an die schönen gemeinsamen Momente mit Galathee, wie zum Beispiel ihre intimen Stunden am Brunnen, wo sie sich geküsst und in den Armen gelegen haben. Er beschreibt die idyllische Landschaft um den Neckar, wo sie zusammen Äpfel pflücken und sorglos beieinander sein konnten. Die Trennung von Galathee hat Coridon schwer getroffen. Er fühlt sich einsam und verloren in der fremden Welt. Selbst seine Musik, die ihm sonst Trost spendet, erinnert ihn nur an Galathee und macht ihn noch trauriger. Er sehnt sich danach, zu ihr zurückzukehren und für immer bei ihr zu bleiben, um seine Sorgen und sein Leid zu vergessen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schifft′ hin in das Niederlandt
- Anapher
- Galathee / so lange Zeit / Bin ich von dir allbereit
- Anspielung
- Da der grosse Daphnis wohnet
- Hyperbel
- Vnd was hilfft es das mein Spiel / Alle die es hören loben
- Kontrast
- Jhr habt ewer Vattergut / Ich muß auff die wüste Flut
- Metapher
- Mein Liecht
- Personifikation
- Daß bey vns ein frembder Gast / Auff den schönen äckern gräbet
- Symbolik
- Die Abendröthe kam / Vnd die Nacht den Tag weg nahm
- Vergleich
- Wie zu Heidelberg vorhin
- Wiederholung
- O Galathee