Ode an den Herbst

Yvan Goll

1900

Warum zerreiben die Ulmen Schon ihr Gewand Und schlagen um sich mit den Armen In irrer Besorgnis? Des Sommers goldene Ruhe Hat sie verlassen. Verloren sind die Schlüssel Die Schlüsselblumen des Glücks Im grauen Grase, Und schon vergessen Verklingen im Abgrund Die Schwüre der Liebe.

Der große König Der seltsam Wissende Herrscher des Waldes Er gibt den Kampf auf Gegen die Wolken, Er lässt sein rostiges Szepter fallen, Der Apfel der Weisheit Und alle Kronjuwelen Verfaulen.

Im brüchig rasselnden Geißblattgeranke Klopfet die Angst des Iltis Und über dem Teiche Zerbricht die Libelle Wie tönendes Glas.

Nur die Zentauren Im roten Barte Sie rennen erfreut Mit funkelnden Hufen Die Hügel ab, Und ihre Spuren Verglimmen im Moose.

Es lösen die Blätter Sich ab von den Stämmen Wie wehe, wie wehende Hände: Sie schichten unten Ein kupfernes Grab Den sterbenden Vögeln.

In den Ruinen Der Vogelburg wohnt noch Die nächtliche Eule Mit großen Augen Das Schicksal beleuchtend.

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Illustration zu Ode an den Herbst

Interpretation

Das Gedicht "Ode an den Herbst" von Yvan Goll ist eine eindringliche und melancholische Darstellung des Übergangs vom Sommer zum Herbst. Es beschreibt den Verfall und die Vergänglichkeit der Natur, symbolisiert durch die Ulmen, die ihr Gewand zerreiben und in "irrer Besorgnis" um sich schlagen. Die "goldene Ruhe" des Sommers ist vorbei, und mit ihr gehen auch die "Schlüsselblumen des Glücks" verloren. Die Liebe, einst voller Schwüre, verhallt nun im Abgrund. Der Herbst wird als eine Zeit des Verfalls und des Todes dargestellt, in der selbst der "große König", der Herrscher des Waldes, seinen Kampf gegen die Wolken aufgibt und sein Zepter fallen lässt. Die Symbole der Weisheit und des Reichtums, wie der "Apfel der Weisheit" und die "Kronjuwelen", verfallen ebenfalls. Das Gedicht beschreibt weiterhin die Angst und den Zerfall in der Natur. Die Angst des Iltis klopft im "brüchig rasselnden Geißblattgeranke", und die Libelle zerbricht "wie tönendes Glas" über dem Teich. Doch es gibt auch Elemente der Freude und des Lebens. Die Zentauren mit ihren "roten Bärten" laufen erfreut die Hügel hinab, ihre Spuren verglühen im Moos. Die Blätter lösen sich von den Stämmen wie "wehe, wie wehende Hände" und schichten ein "kupfernes Grab" für die sterbenden Vögel. In den Ruinen der "Vogelburg" wohnt noch die nächtliche Eule, deren große Augen das Schicksal beleuchten. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Stimmung des Übergangs, des Verfalls und der Vergänglichkeit, aber auch der Hoffnung und des Lebens. Es ist eine Ode an den Herbst, die sowohl die Schönheit als auch die Traurigkeit dieser Jahreszeit einfängt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
In den Ruinen Der Vogelburg wohnt noch Die nächtliche Eule Mit großen Augen Das Schicksal beleuchtend.
Personifikation
Warum zerreiben die Ulmen Schon ihr Gewand Und schlagen um sich mit den Armen In irrer Besorgnis?