Obdachlosenasyl
unknownIch war’n junges Ding, man immer frisch und flink. Da kam von Borsig einer, der hatte Zaster und Grips. So hübsch wie er war keiner mit seinem roten Schlips. Er kaufte mir ’nen neuen Hut. Wer weiß, wie Liebe tut. Berlin, wie süß ist dein Paradies! Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat. Schwamm drüber. Tralalalá.
Ich immer mit’n mit. Da ging der Kerl verschütt. Als ich im achten schwanger des Nacht bei Wind und Sturm, schleppt’ ich nich auf’n Anger, vergrub das arme Wurm. Es schrie mein Herz, es brannte mein Blut. Wer weiß, wie Liebe tut. Berlin, wie süß ist dein Paradies! Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat. Schwamm drüber. Tralalalá.
Jetzt schieb’ ich auf’n Strich. Ich hab’ ’nen Ludewich. In einem grünen Wagen des Nachts um halber zwee, da ham’ se mich jefahren in die Charité. Verwest mein Herz, verfault mein Blut. Wer weiß, wie Liebe tut. Berlin, wie süß ist dein Paradies! Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat. Schwamm drüber. Tralalalá.
Krank bin ich allemal. Es ist mir allens ejal. Der Weinstock, der trägt Reben, und kommt ’n junger Mann, ich schenk’ ihm was fürs Leben, daß er an mich denken kann. Quecksilber und Absud, wer weiß, wie Liebe tut. Berlin, wie süß ist dein Paradies! Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat. Schwamm drüber. Tralalalá.
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Interpretation
Das Gedicht "Obdachlosenasyl" von Klabund erzählt die tragische Lebensgeschichte einer jungen Frau, die in Berlin vom unschuldigen Mädchen zur Prostituierten und schließlich zur kranken, desillusionierten Frau wird. Die Erzählerin beginnt als hoffnungsvolles junges Mädchen, das von einem wohlhabenden Mann ausgenommen wird, was sie in einen Teufelskreis aus Schwangerschaft, Abtreibung und schließlich Prostitution führt. Die Struktur des Gedichts folgt einem klaren Verlauf, der die verschiedenen Lebensphasen der Protagonistin abbildet. Von der naiven Verliebtheit über die verzweifelte Abtreibung bis hin zur Krankheit und Resignation wird die Abwärtsspirale des Lebens der Erzählerin deutlich. Die Wiederholung des Refrains "Berlin, wie süß ist dein Paradies! / Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat. / Schwamm drüber. / Tralalalá." unterstreicht dabei die Ironie und den bitteren Kontrast zwischen der vermeintlichen Schönheit Berlins und der grausamen Realität, die die Erzählerin erlebt. Das Gedicht kritisiert die gesellschaftlichen Verhältnisse und das Schicksal junger Frauen, die in der Großstadt ausgenutzt und letztendlich fallen gelassen werden. Die Krankheit am Ende symbolisiert nicht nur den physischen Verfall, sondern auch die emotionale und moralische Verrohung, die durch die harten Lebensumstände hervorgerufen wird. Die Erzählerin hat jegliche Hoffnung verloren und resigniert in ihrer Situation, was die harte und gnadenlose Natur des Lebens in der Großstadt verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Wer weiß, wie Liebe tut.
- Ironie
- Berlin, wie süß ist dein Paradies! Unsere Vaterstadt schneidige Mädchen hat.
- Metapher
- Es schrie mein Herz, es brannte mein Blut.
- Personifikation
- Es schrie mein Herz, es brannte mein Blut.
- Repetitio
- Schwamm drüber. Tralalalá.
- Symbolik
- Der Weinstock, der trägt Reben