O Welt, sieh hier dein Leben
1647O Welt, sieh hier dein Leben am Stamm des Kreuzes schweben, dein Heil sinkt in den Tod. Der große Fürst der Ehren läßt willig sich beschweren mit Schlägen, Hohn und großem Spott.
Tritt her und schau mit Fleiße, sein Leib ist ganz mit Schweiße des Bluites überfüllt; aus seinem edlen Herzen vor unerschöpften Schmerzen ein Seufzer nach dem andern quillt.
Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit plagen so übel zugericht? Du bist ja nicht ein Sünder, wie wir und unsre Kinder, von Übeltaten weißt du nicht.
Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer, die haben dir erreget das Elend, das dich schläget, und das betrübte Marterheer.
Du setzest dich zum Bürgen, ja lässest dich erwürgen für mich und meine Schuld; mir lässest du dich kränen, mit Dornen, die dich höhnen, und leidest alles mit Geduld.
Ich bin, mein Heil, verbunden all Augenblick und Stunden dir überhoch und hehr; was Leib und Seel vermögen, das will ich dankbar legen allzeit an deinen Dienst und Ehr.
Nun, ich kann nicht viel geben in diesem armen Leben, eins aber will ich tun: es soll dein Tod und Leiden, bis Leib und Seele scheiden, mir stets in meinem Herzen ruhn.
Ich wills vor Augen setzen, mich stets daran ergötzen, ich sei auch, wo ich sei. Es soll mir sein ein Spiegel der Unschuld und ein Siegel der Lieb und unverfälschten Treu.
Ich will darin erblicken, wie ich mein Herz soll schmücken mit stillem, sanftem Mut, und wie ich die soll lieben, die mich doch sehr betrüben mit Werken, so die Bosheit tut.
Ich will ans Kreuz mich schlagen mit dir und dem absagen, was meinem Fleisch gefällt; was deine Augen hassen, das will ich fliehn und lassen, gefiel es auch der ganzen Welt.
Dein Seufzen und dein Stöhnen und die viel tausend Tränen, die dir geflossen zu, die sollen mich am Ende in deinen Schoß und Hände begleiten zu der ewgen Ruh.
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Interpretation
Das Gedicht "O Welt, sieh hier dein Leben" von Paul Gerhardt ist eine tiefgründige und bewegende Reflexion über das Leiden Christi am Kreuz. In den ersten Strophen wird die Welt aufgefordert, das Opfer Christi zu betrachten, der, obwohl der "große Fürst der Ehren", bereitwillig Schmach und Qualen erduldet. Gerhardt beschreibt eindringlich die körperlichen und seelischen Leiden Christi, vom Schweiß und Blut bis hin zu den Seufzern, die aus seinem Herzen dringen. Die Frage, wer Christus so geschlagen hat, wird beantwortet: Es sind die Sünden der Menschheit, die unzählbar sind wie Sandkörner am Meer, die dieses Elend verursacht haben. In den mittleren Strophen wendet sich der Dichter direkt an Christus und bekennt seine eigene Schuld. Er erkennt an, dass Christus sich zum Bürgen für seine Sünden gemacht hat und sogar den Tod am Kreuz erduldet hat. Gerhardt verspricht, Christus ewig dankbar zu sein und alles, was er hat – Leib und Seele – in den Dienst Christi zu stellen. Er gelobt, Christi Tod und Leiden stets in seinem Herzen zu bewahren und sich daran zu erfreuen, egal wo er sich befindet. Das Kreuz wird zum Spiegel der Unschuld und zum Siegel der Liebe und Treue. In den abschließenden Strophen beschließt der Dichter, sein Leben nach dem Vorbild Christi auszurichten. Er will sein Herz mit Sanftmut schmücken und auch jene lieben, die ihm Böses tun. Er verspricht, sich selbst zu verleugnen und alles zu meiden, was seinem Fleisch gefällt, selbst wenn es der ganzen Welt gefallen würde. Die Leiden Christi sollen ihn am Ende in den ewigen Frieden begleiten. Das Gedicht ist eine eindringliche Aufforderung zur Nachfolge Christi und zur Umkehr von der Sünde.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tritt her und schau mit Fleiße
- Apostrophe
- O Welt, sieh hier dein Leben
- Bildsprache
- in deinen Schoß und Hände
- Hyperbel
- die viel tausend Tränen
- Metapher
- in deinen Schoß und Hände
- Parallelismus
- Dein Seufzen und dein Stöhnen und die viel tausend Tränen
- Personifikation
- die dir geflossen zu