O mahne nicht

George Gordon Lord Byron

1905

O mahne nicht, o mahne nicht An die verlornen teuren Stunden, Wo all mein Herz dein eigen ward; An Stunden, hell von Sonnenlicht, Vergessen nie, obwohl verschwunden, Bis unser Herz im Tod` erstarrt.

Verschwunden, doch vergessen nie,- Die Hand in goldne Locken tauchend, Dein fliegend Herz, die bange Luft! Bei meiner Seel, ich sehe sie, Die stummen Lippen Liebe hauchend Und feuchtes Aug und weiße Brust.

Du suchst an meinem Herzen Ruh′, Im Aug` ein Blick so voller Süße, Daß Sehnsucht schüchtern wird und kühn; Ein eng Umarmen, ich und du, - Die heißen Lippen tauschen Grüße, Als wollten sie im Kuß verglühn.

Dein Auge schließt sich, wie im Traum Begegnen sich die müden Lider, Sein blauer Stern verschleiert liegt, Indes der Wimpern schwarzer Saum Die Wange streift, wie das Gefieder Des Raben weich auf Schnee sich schmiegt.

All unsre Liebe kam zurück Heut nacht im Traum, und süßer däuchten Im Traum die Wonnen alter Zeit, Als wenn ich schwelgt` in neuem Glück: Wie deins wird nie ein Auge leuchten Von Wonne wilder Wirklichkeit.

Drum nenne nicht, und mahne nicht An Stunden die, obwohl vergangen, In holden Träumen auferstehn, Bis einst ein grauer Denkstein spricht: " Sie sind nicht mehr", - bis mit den bangen Die lieben Träume untergehn.

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Illustration zu O mahne nicht

Interpretation

Das Gedicht "O mahne nicht" von George Gordon Lord Byron handelt von der Sehnsucht nach vergangener Liebe und der Unvergänglichkeit schöner Erinnerungen. Der Sprecher bittet darum, nicht an die verlorenen, kostbaren Stunden erinnert zu werden, in denen sein Herz dem Geliebten gehörte. Diese Stunden, erfüllt von Sonnenschein, sind zwar vergangen, aber niemals vergessen, bis das Herz im Tod erstarrt. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die intensiven Momente der Liebe, die der Sprecher in seiner Erinnerung bewahrt hat. Er sieht vor seinem geistigen Auge die stummen Lippen, die Liebe hauchten, das feuchte Auge und die weiße Brust der Geliebten. Die Berührung der Hand in den goldenen Locken und das fliegende Herz der Geliebten werden als unvergesslich dargestellt. Im dritten Teil des Gedichts wird die Intimität und Leidenschaft der gemeinsamen Stunden betont. Die Augen voller Süße, die Umarmungen und die Küsse werden als Höhepunkt der Liebe beschrieben. Der Sprecher vergleicht den Anblick der geschlossenen Augenlider mit dem Gefieder eines Raben, das sich sanft auf Schnee schmiegt. Im letzten Teil des Gedichts kehrt die Liebe des Sprechers im Traum zurück. Die vergangenen Wonnen erscheinen ihm im Traum noch süßer als die gegenwärtige Realität. Er bittet darum, nicht an die vergangenen Stunden erinnert zu werden, da sie in schönen Träumen wieder auferstehen. Erst wenn ein grauer Denkstein spricht "Sie sind nicht mehr" und die ängstlichen wie die lieben Träume vergehen, wird die Erinnerung an die verlorene Liebe endgültig verblassen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
O mahne nicht, o mahne nicht
Metapher
Bis einst ein grauer Denkstein spricht
Personifikation
Die heißen Lippen tauschen Grüße
Symbolik
Ein eng Umarmen, ich und du
Vergleich
wie das Gefieder Des Raben weich auf Schnee sich schmiegt