Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , ,

O Lacrimosa, II

Von

Nichts als ein Atemzug ist das Leere, und jenes
grüne Gefülltsein der schönen
Bäume: ein Atemzug!
Wir, die Angeatmeten noch,
heute noch Angeatmeten, zählen
diese, der Erde, langsame Atmung,
deren Eile wir sind.

Aber die Winter! O diese heimliche
Einkehr der Erde. Da um die Toten
in dem reinen Rückfall der Säfte
Kühnheit sich sammelt,
künftiger Frühlinge Kühnheit.
Wo das Erdenken geschieht
unter der Starre; wo das von den großen

Sommern abgetragene Grün
wieder zum neuen
Einfall wird und zum Spiegel des Vorgefühls;
wo die Farbe der Blumen
jenes Verweilen unserer Augen vergißt.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: O Lacrimosa, II von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „O Lacrimosa, II“ von Rainer Maria Rilke beschäftigt sich mit der Vergänglichkeit des Lebens und dem Kreislauf von Werden und Vergehen, wobei es einen Fokus auf die Natur, insbesondere auf die Bäume und die Erde, legt. Das Gedicht beginnt mit einer betonten Kürze des Lebens, die durch den Vergleich mit einem „Atemzug“ ausgedrückt wird, und kontrastiert diese Vergänglichkeit mit der scheinbar unendlichen Fülle der Natur, repräsentiert durch das „grüne Gefülltsein“ der Bäume. Der Dichter selbst, und mit ihm alle Menschen, sind die „Angeatmeten“ – Teil des Ganzen, der Erde und ihrer langsamen, aber stetigen Atmung.

Der zweite Teil des Gedichts konzentriert sich auf den Winter, als eine Zeit der Ruhe und Vorbereitung für den Neubeginn. Die „heimliche / Einkehr der Erde“ deutet auf eine innere Welt, in der die Natur sich regeneriert. Hier wird der Tod, repräsentiert durch die „Toten“, nicht als Ende, sondern als Teil des Zyklus gesehen, in dem sich „Kühnheit“ für zukünftige Frühlinge sammelt. Dies impliziert eine Hoffnung auf neues Leben, eine Wiedergeburt aus dem Stillstand des Winters. Die Starre, in der das „Erdenken geschieht“, deutet auf eine tiefere Ebene des Seins hin, in der die Natur auf die Rückkehr des Frühlings wartet.

Rilke verwendet Bilder wie das „abgetragene Grün“ des Sommers, das sich wieder in einen „neuen / Einfall“ verwandelt, um den Prozess des Wandels zu veranschaulichen. Das „Vorgefühl“ deutet auf eine Ahnung des Kommenden hin, eine Vorwegnahme des Frühlings. Die „Farbe der Blumen“, die „unser Verweilen unserer Augen vergißt“, unterstreicht die Vergänglichkeit des irdischen Seins, während die Natur sich unaufhörlich erneuert. Es geht hier um die Natur, die sich nicht um die kurze Zeit der Menschen kümmert.

Die zentrale Botschaft des Gedichts ist die Akzeptanz des Kreislaufs von Leben, Tod und Wiedergeburt, der in der Natur beobachtet wird. Rilke stellt die menschliche Existenz in Relation zu den größeren Zyklen der Natur, wobei die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens mit der kontinuierlichen Erneuerung der Erde verglichen wird. Das Gedicht ist eine Reflexion über das Sein, über die Verbindung zwischen dem Individuum und dem Universum, wobei das Verständnis der Natur als Schlüssel zur Erfassung der menschlichen Existenz dient.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.