O du allersüßte Freude
1883O du allersüßte Freude, o du allerhöchstes Licht, der du uns in Lieb und Leide unbesuchet lässest nicht. Geist des Höchsten, höchster Fürst, der du hältst und halten wirst ohn Aufhören aller Dinge, höre, höre, was ich singe.
Du bist ja die beste Gabe, die ein Mensch nur nennen kann; wenn ich dich erwünsch und habe, geb ich alles Wünschen dran. Ach, so gibt dich, komm zu mir in mein Herze, das du dir, da ich in die Welt geboren selbst zum Tempel auserkoren.
Du wirst als ein milder Regen ausgegossen von dem Thron, bringst uns nichts als lauter Segen von dem Vater und dem Sohn. Laß doch, o du werter Gast, Gottes Segen, den du hast und verteilst nach deinem Willen, mich an Leib und Seele füllen.
Du bist weise, voll Verstandes, was geheim ist, ist dir kund; zählst den Staub des kleinen Sandes, gründst des tiefen Meeres Grund. Nun du weißt auch zweifelsfrei, wie verderbt und blind ich sei; drum gib Weisheit und vor allen, wie ich möge Gott gefallen.
Du bist heilig, läßt dich finden, wo man rein und redlich ist, fleuchst hingegen Schand und Sünden, hassest Schlangentrug und List. Mache du, o Gnadenquell, meine Seele rein und hell; laß mich fliehen, was du fliehest, gib mir, was du gerne siehest.
Du bist, wie ein Schäflein pfleget, frommes Herzens, sanftes Muts, bleibst im Lieben unbeweget, tust uns Bösen alles Guts. Ach, verleih und gib mir auch diesen edlen Sinn und Brauch, daß ich Freund und Feinde liebe, keinen, den du liebst, betrübe.
Mein Hort, ich bin wohl zufrieden, wenn du mich nur nicht verstößt; bleib ich von dir ungeschieden, so bin ich genug getröst. Laß mich sein dein Eigentum, ich versprech hinwiederum, hier und dort all mein Vermögen dir zu Ehren anzulegen;
Nur allein, daß du mich stärkest und mir treulich stehest bei. Hilf, mein Helfer, wo du merkest, daß mir Hilfe nötig sei. Brich des Fleisches bösen Sinn, nimm den alten Willen hin, mach ihn allerdinge neue, daß sich mein Gott meiner freue.
Sei mein Retter, führ mich eben; wenn ich sinke, sei mein Stab; wenn ich sterbe, sei mein Leben; wenn ich liegem sei mein Grab. Wenn ich wieder aufersteh, ei, so hilf mir, daß ich geh hin, da du in ewgen Freuden wirst die Auserwählten weiden.
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Interpretation
Das Gedicht "O du allersüßeste Freude" von Paul Gerhardt ist ein tief spirituelles Werk, das die Verehrung des Heiligen Geistes zum Ausdruck bringt. Der Autor preist den Heiligen Geist als Quelle der Freude, des Lichts und der unerschütterlichen Liebe, die in allen Lebenslagen präsent ist. Der Geist wird als höchste Gabe und als derjenige beschrieben, der aus dem Thron des Vaters und des Sohnes herabkommt, um Segen zu bringen und die Seele zu erfüllen. In den folgenden Strophen wird der Heilige Geist als weise und heilig dargestellt, der das Verborgene kennt und Reinheit und Redlichkeit schätzt. Gerhardt bittet den Geist um Weisheit und um die Fähigkeit, Gott zu gefallen, sowie um Reinheit des Herzens und die Stärke, Böses zu meiden und Gutes zu tun. Der Geist wird auch als sanftmütig und liebevoll beschrieben, der selbst den Feinden Gutes tut und den Wunsch des Dichters nach einem edlen Herzen weckt, das alle Menschen liebt. Das Gedicht schließt mit einem Bekenntnis der Abhängigkeit vom Heiligen Geist als Hort und Retter. Gerhardt verspricht, sein Leben in die Hände des Geistes zu legen und bittet um Stärkung, Führung und Erneuerung des Willens, damit Gott an ihm Freude habe. Die letzte Strophe drückt die Hoffnung auf ewiges Leben und die Freude aus, die die Auserwählten in der Gegenwart des Heiligen Geistes erfahren werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- wenn ich sterbe, sei mein Leben; wenn ich liegem sei mein Grab
- Hyperbel
- wenn ich dich erwünsch und habe, geb ich alles Wünschen dran
- Kontrast
- Du bist heilig, läßt dich finden, wo man rein und redlich ist, fleuchst hingegen Schand und Sünden, hasstest Schlangentrug und List
- Metapher
- wenn ich wieder aufersteh, ei, so hilf mir, daß ich geh hin, da du in ewgen Freuden wirst die Auserwählten weiden
- Parallelismus
- Du bist weise, voll Verstandes, was geheim ist, ist dir kund; zählst den Staub des kleinen Sandes, gründst des tiefen Meeres Grund
- Personifikation
- Du wirst als ein milder Regen ausgegossen von dem Thron
- Vergleich
- Du bist, wie ein Schäflein pfleget, frommes Herzens, sanftes Muts