Nymphenburg

Ferdinand Hardekopf

1910

Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen. Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste, Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte Scheidekraft verstellt. ….. Es quoll ein grünes Auge; In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen, Räkelte sich Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner, Grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar, knisternd dem Weinlaub, dem Lorbeer und Frauen-Nägeln. Aus Lackschuhen, glänzendster Eremitage, plätscherten die weißblauen, wolkenzarten Adern eines sehr hellen Nervenbeins. (Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!) Ein dunkler Mund zerteilte höflich den behutsamen Dampf. Und es wurde Orphisches doziert. Ich versank - lächelnd, vergiftet. Da wusste ich meine heiteren Gefahren, Und, edlerer Bürde nun gewürdigt, erschloss ich mir das volkgemiedne Land. … Schon formt sich in der Stachelhülle, Was, schmelz-duftig, nebelreif-atmend, die kältere Erde grüßen wird; Prunkend die Avenue denkt gelbe Gedankenbäume, weite, bergige, spitzfindige wie die Lust (… die Lust …), Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen Perücke, Die Marmorgötter lauschen und kichern und schmiegen sich lächelnd aus ihren Gewändern (Welcher Doktor besorgt eure Kosmetik, Beine Dianens?), Und, jenseits des Königsschlosses, lassen die Spiegelleiber heiliger Teiche, Schwäne sind ihre Brüste, Brüste, Sich einbetten in Festungswälle, Ritterlich wehrende, mit galant abfallenden Schultern, Pagenschultern.

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Illustration zu Nymphenburg

Interpretation

Das Gedicht "Nymphenburg" von Ferdinand Hardekopf beschreibt eine surreale und berauschende Reise durch den Nymphenburg-Park in München. Der Sprecher erlebt eine Art spirituelle Erleuchtung, bei der er die Schönheit und die verborgenen Geheimnisse der Natur entdeckt. Das Gedicht beginnt mit einem Gefühl von Aufregung und Verwirrung, das den Sprecher durch die graugrünen Parkalleen treibt. Er beschreibt eine Art Beschwörung, die die "Gifttapete" durchbricht und ihm die "lichte Scheidekraft" offenbart. Dies könnte als Metapher für die Auflösung von Illusionen und die Erkenntnis der wahren Natur der Dinge interpretiert werden. Im weiteren Verlauf des Gedichts begegnet der Sprecher verschiedenen surrealen und symbolischen Figuren, wie Pierrot, der sich in Bastseide räkelt, und einer "weißen Fontaine", die "Médisance" zischt. Diese Figuren könnten als Verkörperungen verschiedener Aspekte der Natur oder des menschlichen Geistes interpretiert werden. Der Sprecher versinkt schließlich "lächelnd, vergiftet" in dieser Welt der Illusionen und Entdeckungen. Das Gedicht endet mit einer Vision von der Entstehung neuer Leben und Schönheit. Der Sprecher beschreibt, wie sich in der "Stachelhülle" etwas formt, das die "kältere Erde" begrüßen wird. Dies könnte als Metapher für die Erneuerung und das Wachstum interpretiert werden, das nach der Auflösung der alten Illusionen stattfindet. Die "gelben Gedankenbäume" und die "weiße Fontaine" könnten als Symbole für die Schönheit und die Weisheit stehen, die in der Natur zu finden sind.

Schlüsselwörter

seit soviel lächelnd lust brüste erzittern glückliches fiebern

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Stilmittel

Alliteration
graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen
Anspielung
Orphisches doziert
Bildsprache
Es quoll ein grünes Auge; In Bastseide, durchsickert von malvenfarbenen Eisenbahnschienen
Enjambement
Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen. Es war eine Beschwörung: die Gifttapete berste, Die mir, seit ich wühle (seit es irgendwo leuchtete) die lichte Scheidekraft verstellt.
Hyperbel
Soviel Wässer, Toilettenwässer, soviel Zärtlichkeit!
Kontrast
grau das Wüstlingshaar, das Jünglingshaar
Metapher
Ein Erzittern, glückliches Fiebern des Hirns und Taumeln der Brust, taucht in graugedehnte, rasengrüne Parkavenuen.
Personifikation
Eine weiße Fontaine zischelt Médisance, Marquise in gepuderter Wellen Perücke
Symbolik
Pierrot, der klügste, katholischste Amerikaner
Vergleich
Schwäne sind ihre Brüste