Nur Narr! Nur Dichter!
1885Bei abgehellter Luft, wenn schon des Taus Tröstung zur Erde niederquillt, unsichtbar, auch ungehört - denn zartes Schuhwerk trägt der Tröster Tau gleich allen Trostmilden - gedenkst du da, gedenkst du, heißes Herz, wie einst du durstetest, nach himmlischen Tränen und Taugeträufel versengt und müde durstetest, dieweil auf gelben Graspfaden boshaft abendliche Sonnenblicke durch schwarze Bäume um dich liefen, blendende Sonnen-Glutblicke, schadenfrohe.
“Der Wahrheit Freier - du?” so höhnten sie - “Nein! nur ein Dichter! ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muss, das wissentlich, willentlich lügen muss, nach Beute lüstern, bunt verlarvt, sich selbst zur Larve, sich selbst zur Beute, das - der Wahrheit Freier?…
Nur Narr! nur Dichter! Nur Buntes redend, aus Narrenlarven bunt herausredend, herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken, auf Lügen-Regenbogen zwischen falschen Himmeln herumschweifend, herumschleichend - nur Narr! nur Dichter!…
Das - der Wahrheit Freier?… Nicht still, starr, glatt, kalt, zum Bilde worden, zur Gottes-Säule, nicht aufgestellt vor Tempeln, eines Gottes Türwart: nein! feindselig solchen Tugend-Standbildern, in jeder Wildnis heimischer als in Tempeln, voll Katzen-Mutwillens durch jedes Fenster springend husch! in jeden Zufall, jedem Urwalde zuschnüffelnd, dass du in Urwäldern unter buntzottigen Raubtieren sündlich gesund und schön und bunt liefest, mit lüsternen Lefzen, selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig, raubend, schleichend, lügend liefest…
Oder dem Adler gleich, der lange, lange starr in Abgründe blickt, in seine Abgründe… - o wie sie sich hier hinab, hinunter, hinein, in immer tiefere Tiefen ringeln! -
Dann, plötzlich, geraden Flugs, gezückten Zugs auf Lämmer stoßen, jach hinab, heißhungrig, nach Lämmern lüstern, gram allen Lamms-Seelen, grimmig gram allem, was blickt tugendhaft, schafmäßig, krauswollig, dumm, mit Lammsmilch-Wohlwollen…
Also adlerhaft, pantherhaft sind des Dichters Sehnsüchte, sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven, du Narr! du Dichter!… Der du den Menschen schautest so Gott als Schaf -, den Gott zerreißen im Menschen wie das Schaf im Menschen und zerreißend lachen -
das, das ist deine Seligkeit, eines Panthers und Adlers Seligkeit, eines Dichters und Narren Seligkeit!”…
Bei abgehellter Luft, wenn schon des Monds Sichel grün zwischen Purpurröten und neidisch hinschleicht, - dem Tage feind, mit jedem Schritte heimlich an Rosen-Hängematten hinsichelnd, bis sie sinken, nachtabwärts blass hinabsinken:
so sank ich selber einstmals aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, aus meinen Tages-Sehnsüchten, des Tages müde, krank vom Lichte, - sank abwärts, abendwärts, schattenwärts, von einer Wahrheit verbrannt und durstig - gedenkst du noch, gedenkst du, heißes Herz, wie da du durstetest? - dass ich verbannt sei von aller Wahrheit! Nur Narr! Nur Dichter!…
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Interpretation
Das Gedicht "Nur Narr! Nur Dichter!" von Friedrich Nietzsche ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der Rolle des Dichters und seiner Beziehung zur Wahrheit. Nietzsche zeichnet ein ambivalentes Bild des Dichters, der einerseits als Lügner und Täuscher dargestellt wird, andererseits aber auch als ein Sehnsüchtiger nach Wahrheit und als ein Gestalter von Wirklichkeit durch seine Kunst. Der Dichter wird als ein Wesen beschrieben, das zwischen verschiedenen Extremen oszilliert - zwischen Adler und Panther, zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Tag und Nacht. Nietzsche verwendet dabei eine reiche metaphorische Sprache, um die verschiedenen Aspekte des Dichtertums zu beleuchten. Der Dichter wird als ein "listiges, raubendes, schleichendes" Wesen beschrieben, das "lügen muss" und sich selbst zur "Larve" macht. Gleichzeitig wird er aber auch als ein "Wahrheit Freier" dargestellt, der in der "Wildnis" heimischer ist als in den "Tempeln" der etablierten Wahrheiten. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in der Struktur des Gedichts wider, das zwischen verschiedenen Strophen und Tonlagen hin- und herwechselt. Das Gedicht endet mit einem Selbstbezug Nietzsches, der sich selbst als einen "verbannten" Wahrheitssucher beschreibt, der am Ende seiner "Wahrheits-Wahnsinnigkeit" angelangt ist. Der Dichter, so scheint es, ist ein ewiger Sucher, der nie zur Ruhe kommen kann und der in seiner Suche nach Wahrheit selbst zur "Larve" wird - ein Wesen, das sich ständig verwandelt und neu erfindet. Das Gedicht ist somit eine Reflexion über die Natur des Dichtertums und die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft, aber auch eine Selbstreflexion Nietzsches als Dichter und Denker.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Nach himmlischen Tränen und Taugeträufel
- Hyperbel
- Versengt und müde durstetest
- Metapher
- Wahrheits-Wahnsinn
- Personifikation
- Des Monds Sichel
- Vergleich
- Rosen-Hängematten