Nur ein Mensch
1911Ich stand auf sturmbestrichnem, granitnem Bergeshaupt, Umbrüllt vom Eisorkane, von stechendem Schnee umstaubt – Tief unter mir, umschlungen vom Nebelgewande der Nacht, Lag Wahn und Menschenschicksal, lag Elend und Kronenpracht . . .
Lag all′ das wirre Suchen: die Pilgerfahrt zum Licht – Lag all′ das ewige Irren: ein wüstes Höllengedicht! Lag gleißender Glanz und Entsagung – Gethsemane und Rom: Dort wurmt sich ein armer Schwärmer – hier schwillt der Lüste Strom!
Lag all′ die blöde Verblendung, die vor den Götzen kniet – Lag all′ die feige Knechtschaft, die sich im Staube müht, Faulende Früchte zu sammeln, lohender Brünste voll – Lag all′ die jähe Verzweiflung – der heilige Rächergroll! . .
Die Sclavenkette klirrte – ihr schneidender Ton verklang; Die Schellenkappe tönte – ihr lockend Geläut versank – Von bleichen Märtyrerlippen verwehte der letzte Schwur – Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Creatur . .
Die einst mit flammenden Schwertern über den Erdball gebraust, Die Babel-Dome gefestet mit blut′ger Despotenfaust – Die ihre Cäsarenspuren mit ehernem Meißel gehauen, Hier an den Felsenbrüsten zerfällt das irdische Grauen,
Das sie heraufbeschworen im bangenden Menschenhirn – Ihre Kronenscepter zersplittern an der steinernen Bergesstirn – Und ihrer Allmacht Male zerbröckeln wie mürbe Spreu: Das Schweigen der Felsenöde verschlingt den Siegerschrei . .
Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Creatur – Hier lebt und atmet nur Eines: die unbefleckte Natur . . Und mich durchdrang die Wollust, an dieser Felsenbrust Mein Sünderhaupt zu zerschmettern – all′ meine Erdenlust –
All′ meine Erdenduldung, von dieser Größe zerdrückt – All′ meine Gramverschuldung, wiedergeburtsbeglückt – Wiedergeboren und enden: zum ersten Mal ein Held! Ausatmen in diese Wildniß meine kleine, dürftige Welt!
Da kroch es heran, das Entsetzen, belastete mich wie Erz – Und hämmern spürt′ ich mein armes, todbangendes Menschenherz: Gemach kehrt′ ich zu Thal mich, nach Menschenspur hinab – Bei Alltagsmühen zu suchen nach meinem Alltagsgrab.
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Interpretation
Das Gedicht "Nur ein Mensch" von Hermann Conradi handelt von der existenziellen Suche eines Individuums nach Sinn und seiner Stellung im Universum. Der Sprecher befindet sich auf einem stürmischen Berggipfel, von wo aus er die Menschheit in ihrer Verwirrung und ihrem Streben nach Erleuchtung betrachtet. Er sieht die Vielfalt menschlicher Erfahrungen - von der Pilgerschaft zum Licht bis zum wüsten Höllengedicht des ewigen Irrens, von glänzendem Glanz und Entsagung bis zur faulenden Frucht der feigen Knechtschaft. Die Szene wechselt dann zu einer Betrachtung der Vergangenheit, in der die Sprecherin die Zerstörung der einst mächtigen Strukturen der Menschheit beobachtet - die zersplitternden Kronenscepter, die zerbröckelnden Allmachtsmale, das verstummte Siegesgeschrei. In der Stille der felsigen Ödnis bleibt nur die unbefleckte Natur übrig, die den Sprecher mit einer Wollust erfüllt, seine sündige Existenz und all seine irdische Lust an den Felsen zu zerschmettern. Doch dann überkommt ihn das Entsetzen, die Last seiner menschlichen Existenz, und er hört sein todbanges Herz hämmern. Er kehrt ins Tal zurück, auf der Suche nach menschlicher Spur und seinem alltäglichen Grab in den Mühen des Alltags. Das Gedicht endet mit der Rückkehr des Sprechers in die menschliche Gemeinschaft, nachdem er die Grenzen seiner Existenz und die Vergänglichkeit menschlicher Größe erkannt hat.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Alltagsgrab
- Hyperbel
- belastete mich wie Erz
- Metapher
- Alltagsgrab
- Personifikation
- Das Schweigen der Felsenöde verschlingt den Siegerschrei