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Nur ein Mensch

Von

Ich stand auf sturmbestrichnem, granitnem Bergeshaupt,
Umbrüllt vom Eisorkane, von stechendem Schnee umstaubt –
Tief unter mir, umschlungen vom Nebelgewande der Nacht,
Lag Wahn und Menschenschicksal, lag Elend und Kronenpracht . . .

Lag all′ das wirre Suchen: die Pilgerfahrt zum Licht –
Lag all′ das ewige Irren: ein wüstes Höllengedicht!
Lag gleißender Glanz und Entsagung – Gethsemane und Rom:
Dort wurmt sich ein armer Schwärmer – hier schwillt der Lüste Strom!

Lag all′ die blöde Verblendung, die vor den Götzen kniet –
Lag all′ die feige Knechtschaft, die sich im Staube müht,
Faulende Früchte zu sammeln, lohender Brünste voll –
Lag all′ die jähe Verzweiflung – der heilige Rächergroll! . .

Die Sclavenkette klirrte – ihr schneidender Ton verklang;
Die Schellenkappe tönte – ihr lockend Geläut versank –
Von bleichen Märtyrerlippen verwehte der letzte Schwur –
Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Creatur . .

Die einst mit flammenden Schwertern über den Erdball gebraust,
Die Babel-Dome gefestet mit blut′ger Despotenfaust –
Die ihre Cäsarenspuren mit ehernem Meißel gehauen,
Hier an den Felsenbrüsten zerfällt das irdische Grauen,

Das sie heraufbeschworen im bangenden Menschenhirn –
Ihre Kronenscepter zersplittern an der steinernen Bergesstirn –
Und ihrer Allmacht Male zerbröckeln wie mürbe Spreu:
Das Schweigen der Felsenöde verschlingt den Siegerschrei . .

Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Creatur –
Hier lebt und atmet nur Eines: die unbefleckte Natur . .
Und mich durchdrang die Wollust, an dieser Felsenbrust
Mein Sünderhaupt zu zerschmettern – all′ meine Erdenlust –

All′ meine Erdenduldung, von dieser Größe zerdrückt –
All′ meine Gramverschuldung, wiedergeburtsbeglückt –
Wiedergeboren und enden: zum ersten Mal ein Held!
Ausatmen in diese Wildniß meine kleine, dürftige Welt!

Da kroch es heran, das Entsetzen, belastete mich wie Erz –
Und hämmern spürt′ ich mein armes, todbangendes Menschenherz:
Gemach kehrt′ ich zu Thal mich, nach Menschenspur hinab –
Bei Alltagsmühen zu suchen nach meinem Alltagsgrab.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Nur ein Mensch von Hermann Conradi

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Nur ein Mensch“ von Hermann Conradi ist eine tiefgründige Reflexion über die menschliche Existenz, die aus der Perspektive eines Individuums, das sich auf einem Berg befindet, betrachtet wird. Es ist geprägt von einer pessimistischen Sicht auf die Welt, aber auch von einem tiefen Verlangen nach Erlösung und dem Streben nach der Natur. Die ersten Strophen beschreiben die Welt unterhalb des Berges als ein Chaos aus menschlichem Leid, Wahn, Irrtum und Machtstreben.

Die Verse präsentieren ein düsteres Bild der Menschheit, in dem „Wahn und Menschenschicksal, lag Elend und Kronenpracht“ nebeneinander existieren. Der Autor beklagt das „ewige Irren“, die Verblendung durch Götzen, die „feige Knechtschaft“ und die daraus resultierende Verzweiflung. All diese menschlichen Eigenschaften werden als bedeutungslos und vergänglich dargestellt, während die Natur in ihrer Unberührtheit und Stille als das einzig Beständige wahrgenommen wird. Die beschriebenen Szenen sind eine Sammlung von menschlichen Fehlern, Leidenschaften und Misserfolgen, die die Vergänglichkeit des irdischen Daseins unterstreichen.

Im weiteren Verlauf des Gedichts wird das Bild des „irdischen Grauens“ durch die Macht der Natur aufgelöst. Die „flammenden Schwerter“ und „blut’ge Despotenfaust“ verlieren ihre Macht, und sogar der „Siegerschrei“ verstummt im Angesicht der „Felsenöde“. Diese Auflösung der menschlichen Schöpfungen und Errungenschaften deutet auf die Vergänglichkeit irdischer Macht und den Triumph der Natur hin. Die Stille und die unberührte Natur werden zum Symbol der Wahrheit und der Erlösung.

Die letzten Strophen offenbaren eine tiefgreifende innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs. Der Wunsch, „all’ meine Erdenlust“ und „Gramverschuldung“ zu zerschmettern, spiegelt das Verlangen nach Erlösung und Neubeginn wider. Die Konfrontation mit der Größe der Natur führt zu einer existentiellen Krise, die das Individuum dazu bringt, seine eigene „kleine, dürftige Welt“ in der Wildnis auszuatmen. Obwohl das Gedicht mit „Entsetzen“ endet, das das Herz des Sprechers beschwert, kehrt er ins Tal zurück, um im Alltag nach seinem „Alltagsgrab“ zu suchen. Dies deutet auf eine Akzeptanz des menschlichen Schicksals hin, trotz aller Erkenntnisse über dessen Vergänglichkeit.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.