Nur die Wahrheit

Max Vogler

1889

Du mußt der Welt Dich recht geschmeidig zeigen, Dich freundlich neigen, lächeln gegen Alle Und ganz besonders, was Du denkst, verschweigen: So steht es gut mit Dir in jedem Falle.

Und meinst Du gleich von Diesem oder Jenem: Ich zähl′ als Mensch Euch nicht zu den Besten, So sollst Du doch zu schmeicheln Dich gewöhnen, Auch diesen selbst und seines Sinns Gebresten.

So sprach zu mir ein alter Mann, der viel erfahren, Er meint es gut mit mir, ich mußt es glauben, Doch sagt′ ich ernst: “Laßt mir mein schlicht Gebaren, Den Hang zur Wahrheit soll mir niemand rauben.”

Die Wahrheit ist der Grund, auf dem ich stehe, Sie hab′ ich mir zur Führung auserlesen; Was Andre thun, was sonst um mich geschehe — Ich bleibe immer, der ich stehts gewesen!

Ich folge meines Herzens tiefstem Zuge, Er ist mir süß, ich kann von ihm nicht lassen. Ein Feind bleib ich auch ferner jedem Truge, Und mögen mich die Menschen darum hassen!

Ich hatte Freunde, die ich werth gehalten, Und wir durchlebten manche gute Stunde — Nun ist das Band gerissen und gespalten, Weil ich die Wahrheit sprach in unserem Bunde.

Es schmerzt mich — doch nun, da es geschehen, Was ficht mich′s an? Es darf mich nicht mehr kümmern, Um eure Freundschaft werd′ ich euch nicht flehn — Hoch steht die Wahrheit über Schutt und Trümmern!

Frei, wär′s auch bitter, muß das Wort uns fließen, Soll echte Freundschaft fügen sich zusammen; Habt Dank für jede Güte, die ihr mir erwiesen, — Ich kann nicht anders — mögt ihr mich verdammen!"

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Illustration zu Nur die Wahrheit

Interpretation

Das Gedicht "Nur die Wahrheit" von Max Vogler thematisiert den Konflikt zwischen gesellschaftlicher Anpassung und persönlicher Integrität. Der Sprecher berichtet von einem Gespräch mit einem älteren, erfahrenen Mann, der ihm rät, sich in der Welt geschmeidig zu zeigen, freundlich zu sein und vor allem seine Gedanken zu verschweigen. Dieser Rat zielt darauf ab, durch Anpassung und Schmeichelei in jeder Situation gut dazustehen. Der Sprecher lehnt diesen Rat jedoch entschieden ab. Er betont, dass die Wahrheit sein Grund und seine Führung ist, und dass er seinem Herzen und seinem Hang zur Wahrheit treu bleiben wird. Er ist bereit, dafür auch Feinde zu haben und von den Menschen gehasst zu werden. Diese Haltung zeigt einen starken Willen zur Authentizität und einen hohen moralischen Anspruch. Das Gedicht beschreibt auch die Konsequenzen dieser Haltung. Der Sprecher hat Freunde verloren, weil er in ihrer Gemeinschaft die Wahrheit gesprochen hat. Trotz des Schmerzes, den dieser Verlust verursacht, lässt er sich nicht beirren. Die Wahrheit hat für ihn einen höheren Stellenwert als Freundschaften, die auf Unehrlichkeit basieren. Abschließend bekräftigt der Sprecher seine Überzeugung, dass nur freie, ehrliche Worte echte Freundschaft ermöglichen. Er dankt für die Güte, die ihm erwiesen wurde, betont aber, dass er nicht anders kann und damit leben muss, wenn er verurteilt wird. Das Gedicht endet mit einer klaren Positionierung für die Wahrheit, selbst um den Preis sozialer Isolation.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Du mußt der Welt Dich recht geschmeidig zeigen, Dich freundlich neigen, lächeln gegen Alle
Bildsprache
Und wir durchlebten manche gute Stunde
Hyperbel
Hoch steht die Wahrheit über Schutt und Trümmern
Kontrast
Frei, wär's auch bitter, muß das Wort uns fließen
Metapher
Die Wahrheit ist der Grund, auf dem ich stehe
Parallelismus
Ich folge meines Herzens tiefstem Zuge, Er ist mir süß, ich kann von ihm nicht lassen
Personifikation
Die Wahrheit ist der Grund, auf dem ich stehe
Wiederholung
Ich kann nicht anders — mögt ihr mich verdammen!