Nun ist auch erloschen der letzte Schein
1814Nun ist auch erloschen der letzte Schein Im Kämmerlein des Poeten, Und lokkerer Vögel Nachtverein Kommt stolpernd heimgetreten. Es träufelt leiser Schnee vom Dach, Die Fahne kreischt am Thurme, Die Laternen schwanken und glimmen schwach Und schaukeln sich lustig im Sturme.
Die Häuser stehen schwarz und still, Die Kirchen leer und die Schenken, Nun mag eine Seele wie sie will Gehen und träumen und denken.
Es blinzt kein Auge scheel und schief, Kein Lästermaul reißt sich offen, Nun mag ein Herz, das am Tage schlief, Lieben und bangen und hoffen.
Du traute Nacht, der Bösen Feind Und aller Guten Segen, Sie sagen, Du seist keines Menschen Freund, – Wie lieb′ ich dich, Nacht, deswegen!
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Interpretation
Das Gedicht "Nun ist auch erloschen der letzte Schein" von Franz von Dingelstedt beschreibt den Einbruch der Nacht und die damit einhergehende Veränderung der Atmosphäre in der Stadt. Der Dichter malt ein Bild von der Stille und Leere, die nach Sonnenuntergang herrscht, und kontrastiert dies mit dem lebhaften Treiben des Tages. Die Nacht wird als eine Zeit der Freiheit und Intimität dargestellt, in der sich die Menschen ungestört ihren Gedanken, Gefühlen und Träumen hingeben können. Die Dunkelheit wird als schützender Mantel beschrieben, der es ermöglicht, sich selbst treu zu sein, ohne von den neugierigen Blicken und dem Urteil anderer beobachtet zu werden. Abschließend drückt der Dichter seine tiefe Zuneigung zur Nacht aus, obwohl oder gerade weil sie als "Feind der Bösen" und als Quelle des Segens für die Guten gilt. Die Nacht wird als ein Ort der Zuflucht und der Selbstfindung gefeiert, an dem man sich frei von gesellschaftlichen Zwängen entfalten kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Kein Lästermaul reißt sich offen
- Gegensatz
- Du traute Nacht, der Bösen Feind Und aller Guten Segen
- Ironie
- Sie sagen, Du seist keines Menschen Freund, – Wie lieb′ ich dich, Nacht, deswegen!
- Metapher
- Nun mag eine Seele wie sie will Gehen und träumen und denken
- Personifikation
- Die Laternen schwanken und glimmen schwach Und schaukeln sich lustig im Sturme