Novelle
1890Sie kannten sich beide von Angesicht, Sie sprachen sich nie und liebten sich nicht. Er nahm ein Weib, das die Mutter ihm wählte, Als sie sich mit einem Vetter vermählte.
Er war zufrieden mit seinem Los; Sie wähnte sich recht in des Glückes Schoß. Nur manchmal, zur Zeit der Fliederblüte, Was wollte da knospen in ihrem Gemüte?
Und einst nach Jahren am dritten Ort Da sagten sie sich das erste Wort, Am selben Tische zum ersten Male - Der Flieder duftet′ herein zum Saale.
Was er sie gefragt, was sie ihm gesagt, Es war nicht neu und war nicht gewagt; Doch plötzlich, mitten im Plaudern und Scherzen, Erschraken sie beide im tiefsten Herzen.
Sie hatten mit tödlichem Staunen erkannt, Wie seltsam eins das andre verstand, Auch das, was beiden im stillen Gemüte Erwachte zur Zeit der Fliederblüte.
Sie sahen sich an einen Augenblick Und sahn einen Abgrund von Mißgeschick, Dann blickten sie weg, und beide verstummten, So munter rings die Gespräche summten.
Drauf ging sie nach Haus mit dem eigenen Mann, Er führte sein Weib, so schieden sie dann Und sagten, sie würden sich glücklich schätzen, Die werte Bekanntschaft fortzusetzen.
Doch wie er am andern Morgen erwacht, Was hat ihn so bitter lachen gemacht? Und wie sie auffuhr von ihrem Kissen, Was hat sie so heimlich weinen müssen?
Sie haben sich niemals wiedergesehn, Sie wußten sich klug aus dem Weg zu gehn. Nur immer zur Zeit der Fliederblüte Wie Spätfrost schauert′s durch ihr Gemüte.
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Interpretation
Das Gedicht "Novelle" von Paul Heyse erzählt eine tragische Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen, die sich zwar kennen, aber nie zueinander finden. Das lyrische Ich beschreibt, wie sie sich gegenseitig ansehen, aber nie miteinander sprechen oder sich lieben. Sie heiraten andere Menschen, die von ihren Familien ausgewählt wurden, und scheinen zunächst zufrieden mit ihrem Schicksal. Doch in der Fliederblütezeit erwacht in ihnen ein unerklärliches Gefühl, das sie nicht verstehen. Heyse beschreibt, wie die beiden sich nach Jahren zum ersten Mal an einem Tisch gegenübersitzen und ein Gespräch führen. Obwohl sie über nichts Besonderes sprechen, erkennen sie plötzlich, wie sehr sie sich verstehen und wie sehr sie füreinander bestimmt sind. Sie sind schockiert von dieser Erkenntnis und schweigen, während um sie herum das Gespräch weitergeht. Sie gehen nach Hause und beschließen, ihre Bekanntschaft fortzusetzen, aber am nächsten Morgen wachen sie auf und sind von Trauer und Schmerz erfüllt. Das Gedicht endet mit der traurigen Erkenntnis, dass die beiden sich nie wiedersehen werden. Sie haben sich geschickt aus dem Weg gegangen, aber in der Fliederblütezeit überkommt sie immer noch ein Schauer der Sehnsucht und des Bedauerns. Heyse beschreibt die Tragik einer unerfüllten Liebe, die durch äußere Umstände und gesellschaftliche Zwänge verhindert wurde. Das Gedicht ist ein eindringliches Plädoyer für die Freiheit der Liebe und die Notwendigkeit, den eigenen Gefühlen zu folgen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Was er sie gefragt, was sie ihm gesagt
- Bildsprache
- Wie seltsam eins das andre verstand
- Hyperbel
- Sie sahen einen Abgrund von Mißgeschick
- Ironie
- Sie sagten, sie würden sich glücklich schätzen, Die werte Bekanntschaft fortzusetzen
- Kontrast
- Sie kannten sich beide von Angesicht, Sie sprachen sich nie und liebten sich nicht
- Metapher
- Sie sahen sich an einen Augenblick Und sahn einen Abgrund von Mißgeschick
- Parallelismus
- Er nahm ein Weib, das die Mutter ihm wählte, Als sie sich mit einem Vetter vermählte
- Personifikation
- Der Flieder duftet' herein zum Saale
- Rhetorische Frage
- Was wollte da knospen in ihrem Gemüte?
- Symbolik
- Fliederblüte