Nordwind im Sommer
1885Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land. Die dunklen Parke flattern in der Brise. Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese; Der Himmel steht, sich selber unbekannt,
Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren, Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl, Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal, Fliegende Fische sind — die Roggenähren.
Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite, Und manchmal fliegen Reiher um den stummen, Fischlosen See, auf dem die Bienen summen, Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite.
Ich galoppiere vor dem Sonnenschein, Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden, Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden. Ich werde mittags an dem Meere sein.
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Interpretation
Das Gedicht "Nordwind im Sommer" von Paul Boldt schildert die Ankunft eines erfrischenden Windes aus dem Meer, der das Land durchweht und eine lebendige, beinahe surreale Landschaft heraufbeschwört. Der Wind trägt den Duft des Meeres ins Innere, lässt dunkle Parkanlagen in der Brise flattern und lässt die Hügel vor dem Duft der Wiese erblühen. Der Himmel erscheint selbstvergessen, ein weißer Fischer bewegt sich durch die Roggenfelder, Taubenflug spritzt wie Wasser, und Wolkenschatten fließen wie fliegende Fische durch das Tal. Die Natur wird zu einem dynamischen, fast mythischen Schauplatz, in dem die Grenzen zwischen Elementen und Geschöpfen verschwimmen. Im zweiten Teil des Gedichts setzt sich die Verwandlung fort: Der Weißklee wirft den Junitag zur Seite, und Reiher umkreisen einen stillen, fischlosen See, auf dem Bienen summen. Ihr zögerlicher Flug in die Weite vermittelt eine Stimmung der Unsicherheit oder Sehnsucht. Der lyrische Ich-Ausdruck selbst wird zum Wind, galoppiert auf einem weißen Pferd vor dem Sonnenschein her, flattert und wird zum Element, das er beschreibt. Die "Sonnenfetzen" um den Hals und die Richtung nach Norden verstärken das Gefühl von Freiheit und Bewegung, bis der Sprecher mittags am Meer sein wird – ein Ziel, das sowohl Ankunft als auch Auflösung in der Natur bedeutet. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine intensive, sinnliche Erfahrung des Sommers, in der Mensch und Natur, Bewegung und Stille, Wirklichkeit und Imagination ineinander übergehen. Die Sprache ist bilderreich und assoziativ, die Natur wird zum Spiegel innerer Zustände und zum Ort der Verwandlung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- [Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land. Der Himmel steht, sich selber unbekannt Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl Fliegende Fische sind — die Roggenähren Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite Ich galoppiere vor dem Sonnenschein Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden]
- Personifikation
- [Die dunklen Parke flattern in der Brise Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden]
- Symbolik
- [Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land Der Himmel steht, sich selber unbekannt Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite Ich galoppiere vor dem Sonnenschein Ich werde mittags an dem Meere sein]
- Vergleich
- [Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl]