Noemi
18911
Ich trage so schwer an der Schicksalserbschaft Meiner Bibelmütter, Meiner Prophetinnen, Meiner Königinnen,
Es rauschen so mächtig aus dunklen Jahrhunderten Die Gottesjahre, Die Tempeljahre, Die Ghettojahre.
Es singen so wirr in meiner geborstenen Seele Die Jahrzeitenfeste, Die Himmelsfeste, Die Totenfeste.
Es schreien so tief in meinem tollen Blut Die Patriarchen, Die Helden, Die Söhne! Hör, Israel, Adonoi war dein Gott, Adonoi war einzig!
2
Ich bin die Tochter des Frühlingsvolks! Andacht und Opfer vergeudend, Riss ich die Erde in meinen Wirbel. Mein Gebet war das menschliche Echo Der Asphodelengesänge Und Ölbaumsymphonien. Mein Himmel war wolkig erbaut Über den weiß erblühten Gebirgen, Und die goldenen Sternenzeichen Tief in dunklen Seen nachgebildet. Jeder Mann trug stolz sein Zedernhaupt. Jeder Jüngling eine wandelnde Akazie, Israel so fromm wie ein Frühlingshügel! Salben und öle dufteten um seine Glieder, Und in seinen großen Augen Lächelte Gott. Opfer war die Sprache der Patriarchen, Und die Engel die Antwort des Himmels. Jede Mädchenklage wie ein Taubenpaar, Jede Frauenbitte blondes Lämmchen, Und des Kriegers unwirsch Kampfgelübde Rauchte dumpf im Blute der Stiere auf. Und die Tänze im süßen Weinberg, Zimbeljubelnd kränzten sie das Jahr.
3
Ich bin die Tochter des Talmudvolks! Tempel, in dem die Kupferleuchter Wie Bäume ihre Siebenzweige entfalteten, Wo statt der Märchensterne Ewige Ampeln die mystische Nacht Beunruhigten. In goldenen Bechern hielt man Gott gefangen. Brokat und Purpur ziemte seinen Priestern. In Porphyrarkaden versargt Lag der sterbende Himmel. Als Israel von seinen Hügeln gestiegen, Zerschlug es sich an Felsenschluchten Sein grauendes Lockenhaupt, Zerrieb an Fliesen seine verflachten Knie. Die Sonne hing verkohlt und schwarz in der Straße, Ein Lämpchen nur bestrahlte das Tempelvolk. Israel, verwitterndes Gebirg, Alternder Gletscher, In Schrift und Zeichnung und Kabbala Erörtertest du kalt Den Prozess des Himmels. Aber versteint war deine Seele, Vereist dein Herz!
4
Ich bin die Tochter des Ghettovolks! Der schnarrenden und schnorrenden Rabbis, Der Waisenkinder und Totengräber. In dumpfen Kellern, triefenden Gewölben, In spanischen Türmen, rumänischen Höhlen Hab ich geschmachtet. Wo ist Elohim, ihr Kodoschim? Oi, oi, oi, Und wo ist Adonoi? Am morschen Altar schüttelt ihr die Palmen, Mit faulen Zähnen kräht ihr Klagepsalmen. Mit Litaneien und Schreien Wollt ihr Gott befreien, In klebrigen Kaftanen Imitiert ihr die Geste der Ahnen, Beim blutigen Pogrom, in der Kerkerkette, Im Mordviertel der Zyklopenstädte Nennt ihr euch Erben Und wollt nicht sterben! O Volk der duftenden Schwestern und denkenden Brüder, Auferstehe, mein Volk, und lasse die Lieder Und lasse den Gott der Schriften und Klagen Begraben! Hör, Israel!
5
Höre! Du hast einen Geist, Du hast einen Geist, mit Blut und Gott gespeist, Du hast einen Geist, in allen Feuern der Schöpfung rein geschweißt, Du hast einen Geist, auf allen Meeren und Landstraßen weitgereist, Du hast einen Geist, von allen Philosophien, Poesien, Geometrien, Industrien der Menschheit umkreist. Du hast den einen, einzigen, ewigen Geist.
Hör, Israel!
Dein Geist erleuchte die fünf Kontinente, Dein Geist bemeistre die vier Elemente, Dein Geist erobre die drei Reiche, Dein Geist befreie die zwei Menschen, Dein einer Geist!
Hör, Israel!
Mit deinem Geiste wirst du alle Tode der Welt verlebendigen: Dein Geist ist die Pforte zum Eden, Dein Geist ist die Flucht nach Nirwana, Dein Geist ist die Barke gen Elysium! Dein Geist! Deine Erkenntnis! Dein Alleswissen!
Hör, Israel!
Dein Geist ist die glänzende Neugeburt, Dein Geist ist der alte Gott, Zum Sohne der Menschheit verjüngt. Dein Geist ist das Leben! Hör, Israel, dein Geist ist dein Gott, dein Geist ist einzig!
6
Zu Neumond will ich auferstehen! Die schwarzblauen Flechten salben mit dem Öl der Nuss. Und den Geliebten empfangen mit sternklarem Kuss.
Zu Neumond will ich wandern gehen! Und über den Himmel das Glück meiner Liebe verkünden, Und auf der Erde den Sieg meiner Liebe gründen.
Zu Neumond will ich tanzen gehen. Die Menschen aus ihrem Traume wecken, Über den Städten das neue Licht anstecken.
Zu Neumond will ich auferstehen! Den hohen Geist wie Phönix aus der Asche heben. Dem alten Glauben den Namen Erkenntnis geben.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Noemi" von Yvan Goll ist ein eindrucksvolles und vielschichtiges Werk, das sich mit der jüdischen Identität und Geschichte auseinandersetzt. Es ist in sechs Teile gegliedert und beschreibt die Entwicklung des jüdischen Volkes von seinen biblischen Wurzeln bis zur Gegenwart. Im ersten Teil des Gedichts wird die schwere Last der jüdischen Geschichte betont. Die Sprecherin fühlt sich von den Erinnerungen an ihre Vorfahren, die Propheten, Königinnen und Patriarchen, belastet. Die Erwähnung der "Gottesjahre", "Tempeljahre" und "Ghettojahre" verdeutlicht die verschiedenen Epochen der jüdischen Geschichte und die damit verbundenen Herausforderungen. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine Zeit des Wohlstands und der Frömmigkeit. Die Sprecherin stellt sich als Tochter des "Frühlingsvolks" vor, das in Harmonie mit der Natur und Gott lebt. Die Beschreibungen von Opfern, Engeln und Tänzen im Weinberg vermitteln ein Bild von einem idyllischen und religiösen Leben. Im dritten Teil wird der Fokus auf das "Talmudvolk" gelegt. Die Sprecherin beschreibt den Tempel als einen Ort der Anbetung und des Studiums. Allerdings gibt es auch Anzeichen von Verfall und Versteinerung. Der Himmel wird als "sterbend" beschrieben, und die Seele Israels wird als "versteint" und das Herz als "vereist" bezeichnet. Der vierte Teil des Gedichts ist geprägt von der Erfahrung des Ghettos. Die Sprecherin beschreibt das Leben in den dunklen und feuchten Räumen, in denen die Juden eingesperrt waren. Die Verzweiflung und das Leid sind spürbar, und die Frage nach dem Aufenthaltsort Gottes wird laut. Die Sprecherin fordert das jüdische Volk auf, aufzuwachen und sich von den alten Traditionen zu lösen. Im fünften Teil des Gedichts wird der Fokus auf den Geist des jüdischen Volkes gelegt. Die Sprecherin betont die Einzigartigkeit und die Kraft dieses Geistes, der durch Blut und Gott genährt wird. Sie ruft das jüdische Volk dazu auf, seinen Geist zu nutzen, um die Welt zu erleuchten und zu beherrschen. Der letzte Teil des Gedichts ist eine Aufforderung zur Erneuerung und zum Aufbruch. Die Sprecherin verspricht, bei Neumond aufzuerstehen und die Welt mit ihrem Geist zu durchdringen. Sie will den alten Glauben durch Erkenntnis ersetzen und einen neuen Weg einschlagen. Insgesamt ist "Noemi" ein kraftvolles Gedicht, das die jüdische Geschichte und Identität auf poetische Weise erforscht. Es zeigt die Höhen und Tiefen des jüdischen Volkes und ruft zu einem neuen Anfang auf, der auf Erkenntnis und geistiger Stärke basiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tempel, in dem die Kupferleuchter Wie Bäume ihre Siebenzweige entfalteten
- Anapher
- Ich bin die Tochter des Frühlingsvolks! Ich bin die Tochter des Talmudvolks! Ich bin die Tochter des Ghettovolks!
- Anspielung
- Hör, Israel, Adonoi war dein Gott, Adonoi war einzig!
- Hyperbel
- Dein Geist erleuchte die fünf Kontinente, Dein Geist bemeistre die vier Elemente, Dein Geist erobre die drei Reiche, Dein Geist befreie die zwei Menschen, Dein einer Geist!
- Kontrast
- Ich bin die Tochter des Frühlingsvolks! Ich bin die Tochter des Talmudvolks! Ich bin die Tochter des Ghettovolks!
- Metapher
- Mein Gebet war das menschliche Echo Der Asphodelengesänge
- Personifikation
- Die Patriarchen, Die Helden, Die Söhne! Hör, Israel, Adonoi war dein Gott, Adonoi war einzig!
- Symbolik
- Zu Neumond will ich auferstehen!