Noctambulatio
unknownSie drückten sich schon beizeiten Fort aus dem Tanzlokal Und suchten zu beiden Seiten Der Straße das Gast- und Logierhaus Continental.
So dringlich: Man hätte können glauben, Er triebe sie vorwärts wie ein Rind. Und doch handelten beide im besten Glauben. Er wollte ihr nur die Unschuld rauben. Sie wollte partout von ihm ein Kind.
Da geschah es, etwa am Halleschen Tor, Dass Frieda über dem Knutschen und Schmusen Aus ihrem hitzig gekitzelten Busen Eine zertanzte, verdrückte Rose verlor.
Und ein sehr feiner Herr, dessen Eleganz Nicht so rumtoben tut, folgte den beiden. Jedoch hielt er sich vornehm bescheiden Immer in einer gewissen Distanz.
Er wollte ursprünglich zum Bierhaus Siechen. Aber nun hemmte er seinen Lauf, Zog die Handschuh aus, hob die Rose auf Und begann langsam daran zu riechen. Er wünschte aber keinen Augenblicksgenuss; Deshalb stieg er mit der Rose in den Omnibus. Derweilen war Frieda mit ihrem Soldaten Auf einen Kinderspielplatz geraten.
Dort merkten sie nicht, wie die Nacht verstrich, Und dass ein unruhiger Mann mit einem Spaten Sie dauernd beschlich.
Als sich nach längerem Aufenthalt Das Paar in der Richtung zur Gasanstalt Mit kurzen, trippelnden Schritten verlor, Sprang der unruhige Mann plötzlich hervor. Und fing an, eine Stelle, wo er im Sand
Die Spur von Friedas Stiefelchen fand, Mit seinem Spaten herauszuheben. Worauf er behutsam mit zitternder Hand Die feuchte Form in ein Sacktuch band, Um sich dann leichenblass heimzubegeben.
Wie um das dümmste Mädchen Sich sonderbare Fädchen Nachts durch die Straßen ziehn - Die Dichter und die Maler Und auch die Kriminaler, Die kennen ihr Berlin.
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Interpretation
Das Gedicht "Noctambulatio" von Joachim Ringelnatz erzählt eine nächtliche Begegnung, die sich durch mehrere Personen und Orte in Berlin zieht. Es beginnt mit einem Paar, das ein Tanzlokal verlässt und sich auf die Suche nach einem Hotel begibt. Die Szene deutet auf eine sexuelle Absicht hin, die jedoch nicht erfüllt wird. Stattdessen verliert die Frau eine Rose, die von einem eleganten Herrn aufgehoben und in einen Bus genommen wird. Die Handlung setzt sich fort, als das Paar auf einen Kinderspielplatz gelangt und dort von einem unruhigen Mann mit einem Spaten beobachtet wird. Dieser Mann folgt ihnen später zu einer Gasanstalt, wo er eine Stelle im Sand aushebt, in der er die Spur von Friedas Stiefelchen findet. Er bindet die feuchte Form in ein Sacktuch und kehrt heim, offenbar erschüttert von dem, was er gefunden hat. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über die seltsamen Fäden, die sich nachts durch die Straßen ziehen und von Dichtern, Malern und Kriminalisten beobachtet werden. Es deutet an, dass Berlin eine Stadt ist, in der sich ungewöhnliche und geheimnisvolle Begegnungen abspielen, die die Phantasie anregen und die Neugierde wecken.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Kurzen, trippelnden Schritten verlor
- Bildsprache
- Mit seinen Spaten herauszuheben
- Ironie
- Er wollte ihr nur die Unschuld rauben. Sie wollte partout von ihm ein Kind
- Kontrast
- Nicht so rumtoben tut, folgte den beiden
- Metapher
- Er triebe sie vorwärts wie ein Rind
- Personifikation
- Die Dichter und die Maler und auch die Kriminaler, Die kennen ihr Berlin
- Symbolik
- Eine zertanzte, verdrückte Rose