Noch weiß ich
1889Noch weiß ich jeder Miene Spiel Und lausche Deinen Freudenrufen — Und nun, nun wärst Du schon am Ziel Kaum auf des Lebens ersten Stufen? — Oed′ liegt′s Gemach, Dein Platz ist leer, Der Wind stößt an des Hauses Thoren, Und glauben muß ich′s kummerschwer, Daß ich auf immer Dich verloren.
Jetzt graut der Tag, ich horche auf, Ob Deine Stimme ich nicht höre Und, still nachspähend Deinem Lauf, Mir noch einmal den Sinn bethöre; Doch ach, das holde Trugbild bleicht, Zum Sarge kehren die Gedanken, — Es wird Dein Aermchen weich und leicht Nie mehr um meinen Hals sich ranken!
Und nimmer faß ich Deine Hand Und führ im Lenz Dich zu den Rosen, Wenn Schmetterlinge ziehn im Land, Mit Blumen und mit Blüthen kosen. Doch glauben will ich, daß die Luft Sich selig von Dir hergewendet, Und engelrein, im süßen Duft, Mir Deine Seele Grüße spendet!
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Interpretation
Das Gedicht "Noch weiß ich" von Max Vogler ist ein tief emotionales und trauriges Werk, das den Verlust eines geliebten Menschen thematisiert. Der Autor beschreibt, wie er noch immer die Mimik und die Freudenrufe des Verstorbenen in Erinnerung hat, obwohl dieser nun am Ziel seiner Reise angelangt ist. Die Leere, die der Verlust hinterlässt, wird durch die Beschreibung des leeren Zimmers und des Windes, der an die Haustür stößt, deutlich. Der Autor muss schmerzlich akzeptieren, dass er die Person für immer verloren hat. In der zweiten Strophe erwacht der Autor mit der Hoffnung, die Stimme des Verstorbenen zu hören und einen letzten Blick auf ihn zu werfen. Doch die Illusion verblasst schnell, und er wird von traurigen Gedanken heimgesucht. Die Vorstellung, dass das Kind nie wieder seinen Arm um seinen Hals legen wird, verstärkt die Trauer und den Schmerz des Verlustes. Die dritte Strophe beschreibt die Sehnsucht des Autors nach den gemeinsamen Erlebnissen mit dem Verstorbenen, wie zum Beispiel im Frühling zusammen zu den Rosen zu gehen und die Schmetterlinge zu beobachten. Obwohl der Autor weiß, dass er die Hand des Kindes nie wieder halten und es nie wieder zu den Rosen führen wird, findet er Trost in der Vorstellung, dass die Seele des Verstorbenen in der Luft umherwandert und ihm durch den süßen Duft der Blumen Grüße sendet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Und nun, nun wärst Du schon am Ziel Kaum auf des Lebens ersten Stufen? — Oed′ liegt′s Gemach, Dein Platz ist leer
- Metapher
- im süßen Duft, Mir Deine Seele Grüße spendet
- Personifikation
- daß die Luft sich selig von Dir hergewendet