Noch ist die Freiheit nicht verloren

Robert Eduard Prutz

1844

Noch ist die Freiheit nicht verloren, Noch sind wir nicht, nicht ganz besiegt: In jedem Lied wird sie geboren, das aus der Brust der Lerche fliegt; sie rauscht uns zu im jungen Laube, im Strom, der sich durch Felsen drängt, sie glüht im Purpursaft der Traube, der brausend seine Bande sprengt.

Der sei kein rechter Mann geachtet, dem lohne nie der Jungfrau Kuß, der nicht aus tiefster Seele trachtet wie er der Freiheit dienen muß. Das Eisen wächst im Schoß der Erden, es ruht das Feuer in dem Stein - Und wir allein solln Knechte werden? Ja, Knechte bleiben, wir allein?

Laßt euch die Kette nicht bekümmern, die noch an eurem Arme klirrt: Zwing-Uri liegt in Schutt und Trümmern, sobald ein Tell geboren wird! Die blanke Kette ist für Toren, für freie Männer ist das Schwert: Noch ist die Freiheit nicht verloren, solang ein Herz sie noch begehrt.

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Illustration zu Noch ist die Freiheit nicht verloren

Interpretation

Das Gedicht "Noch ist die Freiheit nicht verloren" von Robert Eduard Prutz ist ein leidenschaftliches Plädoyer für Freiheit und Widerstand gegen Unterdrückung. Der Autor vermittelt die Idee, dass die Freiheit noch nicht verloren ist und in verschiedenen Formen weiterlebt. Er verwendet Naturbilder wie den Gesang der Lerche, das Rauschen des jungen Laubes und das Drängen des Flusses durch Felsen, um die Unbesiegbarkeit der Freiheit zu symbolisieren. Die Traube, die ihre Bande sprengt, steht für den unaufhaltsamen Drang nach Freiheit. Im zweiten Teil des Gedichts betont Prutz die Wichtigkeit des persönlichen Engagements für die Freiheit. Er fordert, dass nur diejenigen als "rechte Männer" gelten sollten, die aus tiefster Seele danach streben, der Freiheit zu dienen. Die Metaphern vom Eisen, das in der Erde wächst, und vom Feuer, das im Stein ruht, verdeutlichen das verborgene Potenzial für Freiheit und Revolution. Der Autor stellt die Frage, warum ausgerechnet sie, die freien Geister, zu Knechten werden sollten, und betont damit ihre Einzigartigkeit und Unabhängigkeit. Im letzten Teil des Gedichts ermutigt Prutz seine Leser, sich nicht von den Ketten der Unterdrückung entmutigen zu lassen. Er verweist auf historische Beispiele wie die Schweizer Freiheitskämpfer, symbolisiert durch die Namen "Zwing-Uri" und "Tell", um zu zeigen, dass selbst aus Trümmern und Zerstörung neue Helden entstehen können. Die blanke Kette wird als Werkzeug der Toren dargestellt, während das Schwert das Symbol der freien Männer ist. Das Gedicht schließt mit der Botschaft, dass die Freiheit so lange nicht verloren ist, wie es noch Herzen gibt, die nach ihr streben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
für freie Männer ist das Schwert
Personifikation
das aus der Brust der Lerche fliegt
Rhetorische Frage
Ja, Knechte bleiben, wir allein?