Noch fast gleichgültig…
Noch fast gleichgültig ist dieses Mit-dir-sein…
Doch über ein Jahr schon, Erwachsenere, kann es vielleicht dem Einen,
der dich gewahrt, unendlich bedeuten:
Mit dir sein!
Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie
dein Wunder. Daß diese Arme,
gestern dir selber fast lästig, einem,
den du nicht kennst, plötzlich Heimat
versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft.
Daß er zu ihnen, wie nach Sankt-Jago di Compostella,
den härtesten Weg gehen will, lange,
alles verlassend. Daß ihn die Richtung
zu dir ergreift. Allein schon die Richtung
scheint ihm das Meiste. Er wagt kaum,
jemals ein Herz zu enthalten, das ankommt.
Gewölbter auf einmal, verdrängt deine heitere Brust
ein wenig mehr Mailuft: dies wird sein Atem sein,
dieses Verdrängte, das nach dir duftet.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Noch fast gleichgültig…“ von Rainer Maria Rilke beschreibt die allmähliche Entwicklung einer tiefen emotionalen Bindung und die daraus resultierende Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit. Es beginnt mit der Beobachtung einer scheinbar gleichgültigen Beziehung, die sich jedoch im Laufe der Zeit zu einer tiefgreifenden Erfahrung wandelt. Die anfängliche Indifferenz weicht der Erkenntnis, dass die Anwesenheit der geliebten Person für jemand anderen eine immense Bedeutung erlangen kann, so sehr, dass das einfache „Mit dir sein!“ eine unendliche Wertigkeit besitzt.
Der zweite Abschnitt verdeutlicht, wie die Zeit diesen Wandel ermöglicht. Die anfängliche Gleichgültigkeit weicht dem Wunder der Anziehung. Die eigene Gestalt, die gestern noch als lästig empfunden wurde, verwandelt sich plötzlich zu einem Ort von Heimat und Zukunft für eine andere Person. Dies unterstreicht die transformative Kraft der Liebe, die aus Vertrautheit und dem gemeinsamen Erleben von Zeit erwächst. Rilke vergleicht diesen Weg der Liebe mit der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, ein Symbol für eine lange und beschwerliche Reise, die alles verlässt, um sich der Richtung, also der geliebten Person, zuzuwenden.
Im dritten Teil des Gedichts wird die Intensität der Sehnsucht greifbar. Die bloße Richtung, die Anziehungskraft der geliebten Person, scheint für den Liebenden das Wichtigste zu sein. Er wagt es kaum, die Erwartungen und Hoffnungen zu formulieren, die mit dieser Liebe verbunden sind. Die Metapher der „Richtung“ deutet auf die überwältigende Kraft hin, die von der geliebten Person ausgeht und den Liebenden in ihren Bann zieht.
Der abschließende Abschnitt beschreibt die subtilen Veränderungen, die durch die Anwesenheit der geliebten Person entstehen. Die „heitere Brust“ der geliebten Person wird ein wenig „verdrängt“ und von einem neuen „Atem“ ersetzt, der nach ihr duftet. Dies symbolisiert die Vereinigung der beiden Menschen und die Verschmelzung ihrer Identitäten. Die Liebe schafft einen neuen Raum, in dem sich die Liebenden entfalten und in dem die Vergangenheit und die Zukunft in einer gemeinsamen Existenz verschmelzen. Das Gedicht ist somit eine bewegende Reflexion über die Entwicklung von Liebe, Sehnsucht und dem tiefen Wunsch nach Verbundenheit.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.