Noch fast gleichgültig...

Rainer Maria Rilke

unknown

Noch fast gleichgültig ist dieses Mit-dir-sein… Doch über ein Jahr schon, Erwachsenere, kann es vielleicht dem Einen, der dich gewahrt, unendlich bedeuten: Mit dir sein!

Ist Zeit nichts? Auf einmal kommt doch durch sie dein Wunder. Daß diese Arme, gestern dir selber fast lästig, einem, den du nicht kennst, plötzlich Heimat versprechen, die er nicht kannte. Heimat und Zukunft.

Daß er zu ihnen, wie nach Sankt-Jago di Compostella, den härtesten Weg gehen will, lange, alles verlassend. Daß ihn die Richtung zu dir ergreift. Allein schon die Richtung scheint ihm das Meiste. Er wagt kaum, jemals ein Herz zu enthalten, das ankommt.

Gewölbter auf einmal, verdrängt deine heitere Brust ein wenig mehr Mailuft: dies wird sein Atem sein, dieses Verdrängte, das nach dir duftet.

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Illustration zu Noch fast gleichgültig...

Interpretation

Das Gedicht "Noch fast gleichgültig..." von Rainer Maria Rilke handelt von der tiefen Bedeutung, die das bloße Dasein eines Menschen für einen anderen haben kann. Anfangs erscheint die Gegenwart des Geliebten noch gleichgültig, doch im Laufe der Zeit gewinnt sie an Bedeutung und wird für den Liebenden unendlich bedeutsam. Das Gedicht beschreibt, wie die Zeit das Wunder der Liebe entfaltet und wie die Arme des Geliebten, die einst als lästig empfunden wurden, plötzlich zum Versprechen von Heimat und Zukunft für einen Fremden werden. Die Liebe wird als eine Reise dargestellt, die den Liebenden dazu bringt, alles zu verlassen und den schwierigsten Weg zu gehen, allein schon die Richtung zu ihr scheint das Meiste zu sein. Rilke verwendet starke Bilder und Metaphern, um die Intensität der Gefühle zu verdeutlichen. Der Vergleich mit der Pilgerfahrt nach Sankt-Jago di Compostella unterstreicht die spirituelle und transformative Natur der Liebe. Die Brust des Geliebten, die plötzlich gewölbter wird und mehr Luft verdrängt, symbolisiert die tiefe Verbindung und den Atem, den der Liebende in ihrer Gegenwart findet. Das Verdrängte, das nach ihr duftet, deutet auf die intime und sinnliche Natur der Liebe hin, die den Liebenden in ihren Bann zieht und ihn dazu bringt, alles für sie zu riskieren.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Gewölbter auf einmal, verdrängt deine heitere Brust ein wenig mehr Mailuft: dies wird sein Atem sein, dieses Verdrängte, das nach dir duftet
Hyperbel
Den härtesten Weg gehen will, lange, alles verlassend
Metapher
Mit dir sein!
Personifikation
Daß diese Arme, gestern dir selber fast lästig, einem, den du nicht kennst, plötzlich Heimat versprechen
Symbolik
Sankt-Jago di Compostella als Symbol für eine Pilgerreise oder einen wichtigen Lebensweg
Vergleich
Wie nach Sankt-Jago di Compostella