Nietzsche
1933Schwergelbe wolken ziehen überm hügel Und kühle stürme - halb des herbstes boten Halb frühen frühlings… Also diese mauer Umschloss den Donnerer - ihn der einzig war Von tausenden aus rauch und staub um ihn? Hier sandte er auf flaches mittelland Und tote stadt die letzten stumpfen blitze Und ging aus langer nacht zur längsten nacht.
Blöd trabt die menge drunten - scheucht sie nicht! Was wäre stich der qualle, schnitt dem kraut! Noch eine weile walte fromme stille Und das getier das ihn mit lob befleckt Und sich im moderdunste weiter mästet Der ihn er würgen half sei erst verendet! Dann aber stehst du strahlend vor den zeiten Wie andre führer mit der blutigen krone.
Erlöser du! selbst der unseligste - Beladen mit der wucht von welchen losen Hast du der sehnsucht land nie lächeln sehn? Erschufst du götter nur um sie zu stürzen Nie einer rast und eines baues froh? Du hast das nächste in dir selbst getötet Um neu begehrend dann ihm nachzuzittern Und aufzuschrein im schmerz der einsamkeit.
Der kam zu spät der flehend zu dir sagte: Dort ist kein weg mehr über eisige felsen Und horste grauser vögel - nun ist not: Sich bannen in den kreis den liebe schliesst… Und wenn die strenge und gequälte stimme Dann wie ein loblied tönt in blaue nacht Und helle flut - so klagt: sie hätte singen Nicht reden sollen diese neue seele!
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Nietzsche" von Stefan George ist eine Hommage an den Philosophen Friedrich Nietzsche und reflektiert seine Ideen und sein Leben. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der Natur, die als Metapher für Nietzsches Gedankenwelt dient. Die "schwergelben Wolken" und die "kühlen Stürme" symbolisieren die Tiefe und Komplexität seiner Philosophie, die sowohl von Herbst als auch von Frühling geprägt ist. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt Nietzsches Rolle als "Donnerer", der seine Ideen in die Welt hinausgeschickt hat. Die "letzten stumpfen Blitze" könnten auf seine späten Werke hinweisen, die oft als weniger kraftvoll als seine früheren Arbeiten angesehen werden. Der Übergang von der "langen Nacht" zur "längsten Nacht" könnte auf Nietzsches geistigen Zusammenbruch und seinen Tod hindeuten. Im dritten Abschnitt wird die "Menge" erwähnt, die "blöd trabt" und sich nicht von Nietzsches Ideen beeindrucken lässt. George fordert dazu auf, diese Menschen nicht zu stören, da sie ohnehin nicht in der Lage sind, Nietzsches Gedanken zu verstehen. Er hofft auf eine Zeit, in der die "fromme Stille" herrscht und diejenigen, die Nietzsche mit ihrem Lob beschmutzt haben, verschwunden sind. Dann wird Nietzsche wie andere Führer mit einer "blutigen Krone" strahlend vor den Zeiten stehen. Der letzte Teil des Gedichts ist eine Reihe von Fragen an Nietzsche, die seine Einsamkeit und seinen Kampf gegen die etablierten Werte zum Ausdruck bringen. George fragt sich, ob Nietzsche jemals das Land der Sehnsucht lächeln sah oder ob er nur Götter erschuf, um sie zu stürzen. Er beschreibt Nietzsches ständige Unruhe und seinen Kampf gegen sich selbst. Das Gedicht endet mit der Erwähnung eines Menschen, der zu spät kam, um Nietzsche zu helfen, und der Vorstellung, dass Nietzsches Stimme wie ein Loblied in der Nacht klingt. George schließt mit dem Gedanken, dass Nietzsche hätte singen sollen, anstatt zu reden, was darauf hindeutet, dass seine Ideen eher gefühlt als ausgesprochen werden sollten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anrede
- Erlöser du!
- Hyperbel
- Was wäre stich der qualle, schnitt dem kraut
- Metapher
- so klagt: sie hätte singen Nicht reden sollen diese neue seele
- Personifikation
- Halb des herbstes boten Halb frühen frühlings
- Rhetorische Frage
- Erschufst du götter nur um sie zu stürzen Nie einer rast und eines baues froh