Nie bist du ohne Nebendir
1931Eine Wiese singt. Dein Ohr klingt. Eine Telefonstange rauscht. Ob du im Bettchen liegst Oder über Frankfurt fliegst, Du bist überall gesehen und belauscht.
Gonokokken kieken, Kleine Morcheln horcheln. Poren sind nur Ohren. Alle Bläschen blicken.
Was du verschweigst, Was du den Andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut, Es kommt alles ans Licht. Sei ohnedies gut.
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Interpretation
Das Gedicht "Nie bist du ohne Nebendir" von Joachim Ringelnatz beschreibt eine Welt, in der man ständig beobachtet und belauscht wird. Es beginnt mit der Vorstellung, dass selbst die Natur - eine Wiese, eine Telefonstange - zu lauschen und zu sehen scheint. Diese Beobachtung erstreckt sich auf den Menschen, der unabhängig von seinem Aufenthaltsort, ob im Bett oder in der Luft, überall gesehen und belauscht wird. Die zweite Strophe verstärkt das Gefühl der ständigen Überwachung durch die Personifizierung von Bakterien und Pilzen, die kieken und horcheln, sowie von Poren, die als Ohren und Bläschen, die blicken, fungieren. Dies schafft ein Bild einer Welt, in der selbst die kleinsten Elemente der Natur als Beobachter fungieren. Die letzte Strophe bringt die Konsequenz dieser allgegenwärtigen Überwachung auf den Punkt: Nichts bleibt verborgen, weder die Gedanken, die man für sich behält, noch die Handlungen, die man ausführt. Die abschließende Aufforderung, "ohnedies gut" zu sein, kann als moralische Lektion verstanden werden, die darauf hindeutet, dass man sich in einer Welt, in der alles beobachtet wird, nur durch gute Taten und Gedanken schützen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gonokokken kieken, Kleine Morcheln horcheln.
- Metapher
- Poren sind nur Ohren.
- Parallelismus
- Was du verschweigst, Was du den Andern nicht zeigst, Was dein Mund spricht Und deine Hand tut,
- Personifikation
- Alle Bläschen blicken.
- Reimschema
- spricht - tut