Nichts verliert sich

Johann Gottfried von Herder

1879

Nicht der brausende Strom zürnt mit dem rieselnden Bache, Nicht der rieselnde Bach zürnt mit dem fallenden Thau; Alle rollen vereint zum weiten, unendlichen Meere, Wo sich ihr Name verliert, wo ihre Welle zerrinnt. Aber sieh, vom gewaltigen Meer ziehn Dämpfe gen Himmel, Schweben als Wolken umher, regnen in Tropfen herab; Ketten der Berge ziehen sie an und erhabene Gipfel, Quellen strömen ins Land, Kräuter und Blumen entstehn. Nein, kein Tropfe verlor sich im Meer und dem endlosen Aether; Darum, lieblicher Bach, rolle die Welle getrost!

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Interpretation

Das Gedicht "Nichts verliert sich" von Johann Gottfried von Herder thematisiert die ewige Wiederkehr und Umwandlung aller Dinge in der Natur. Es vergleicht die verschiedenen Wasserformen - Bach, Strom und Meer - und zeigt, wie sie sich vereinen und ineinander übergehen. Dabei verlieren sie zwar ihre individuellen Namen und Formen, gehen aber nicht verloren, sondern werden Teil eines größeren Ganzen. Das Gedicht beschreibt den Kreislauf des Wassers von der Quelle über den Bach, den Fluss bis zum Meer und zurück. Es betont, dass kein Tropfen wirklich verloren geht, sondern sich immer wieder in neuen Formen manifestiert. Die Dämpfe steigen auf, bilden Wolken, regnen herab und speisen erneut Quellen und Bäche. Dieser ewige Kreislauf wird als tröstlich und erhebend dargestellt. Die letzte Zeile richtet sich direkt an den Bach und ermutigt ihn, getrost seine Welle rollen zu lassen. Sie vermittelt die Botschaft, dass nichts im Leben wirklich verloren geht, sondern sich immer wieder neu formt und manifestiert. Das Gedicht lädt dazu ein, Trost in diesem ewigen Kreislauf zu finden und sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Nichts verliert sich

Stilmittel

Anapher
Darum, lieblicher Bach, rolle die Welle getrost!
Bildsprache
Schweben als Wolken umher, regnen in Tropfen herab
Hyperbel
Ketten der Berge ziehen sie an und erhabene Gipfel
Kontrast
Aber sieh, vom gewaltigen Meer ziehn Dämpfe gen Himmel
Metapher
Alle rollen vereint zum weiten, unendlichen Meere
Parallelismus
Nein, kein Tropfe verlor sich im Meer und dem endlosen Aether
Personifikation
Nicht der brausende Strom zürnt mit dem rieselnden Bache, Nicht der rieselnden Bach zürnt mit dem fallenden Thau
Symbolik
Quellen strömen ins Land, Kräuter und Blumen entstehn