Neujahrswunsch
1770Schau hinab, o Gott, auf deine Erde, Sieh der Menschen ängstliches Gewühl. Ach, da gibt′s, du weißt′s ja, viel Beschwerde, Und des Stoffs zu Thränen gibt es viel.
Christen gibt es - die sich scheun zu sagen Daß sie Christus, daß sie Gottes sind; Weise gibt es, die die Thoren tragen, Und mit ihren Seufzern spielt der Wind.
Tugendhafte - die den Strom der Laster Fürchterlich vorüberziehen sehn Auf dem Strome segelt ein verhaßter Wütherich, taub zu der Menschheit Flehn.
Greise - die mit dünnen weißen Haaren, Mit des Fluches schrecklichem Gewicht Ach hinunter in die Grube fahren, Denn ihr Enkel ist ein Bösewicht!
Unschuld - die am Todeshügel jammert, Wo der Vater, wo die Mütter ruht; Wie sie da das Todtenkreuz umklammert, Wie sie ächzt: »Ach rettet euer Blut!«
Denn sie scheucht der Lüstling, der zum Raube Im Gebeinhaus tückisch sich verbirgt: Wie der Geier, der die fromme Taube Selbst auf Tempelzinnen niederwürgt.
Patrioten - die am Eichenstamme Mit gesenktem trübem Blicke stehn: Ach sie sehn mit unterdrückter Flamme Deutsche Sitt′ und Freiheit untergehn.
Jünglinge - beim dumpfen Traurgeläute Langsam schreitend zu der schwarzen Gruft, Um die schönste, edelste der Bräute Jammert ihre Klage in die Luft.
Vater! alle diese Menschen unten Müssen sterben - deine Engel nicht! Sterben - ach mit heißen offnen Wunden, Zittern vor Verwesung und Gericht.
Schöpfer! Vater, ach erbarm dich ihrer, Sieh dies Wimmeln deiner Kinder an; Alle brauchen Hülfe; sey ihr Führer Auf des Lebens dornenvoller Bahn.
Sieh, auf dieses Thurmes luft′gen Höhen Bitt′ ich dich mit hoch gehobner Hand: Wie die Eiche tiefgewurzelt stehen Laß mein Vaterland, mein Vaterland!
Unsern Kaiser, laß die Fürsten leben Dir nachahmend - ohne blut′gen Zwist; Aber laß sie vor dem Donner beben: Daß du Richter aller Fürsten bist.
Reiß dem Heuchler in der Wahrheit Lichte Seine schwarze Larve vom Gesicht. Aber ist die Larve vom Gesichte, So beschäme - nur verdamm ihn nicht.
Wenn der Wald, wenn Felsen wiederschallen, Frevler, deinen Greul und deinen Spott; O so tönen dieses Tempels Hallen: »Eine feste Burg ist unser Gott! «
Gib uns Dichter, die von Tugend glühen, Die, wie Klopstock, von der Ewigkeit Kühn den Lichtgewebten Vorhang ziehen Und von Deutscher Biederherzigkeit.
Dient das rasche Feuer kühner Jugend, Dient die Himmelsflamme - das Genie Nicht der Wahrheit, nicht der Schönheit, Tugend; So verlösch′ es! so vertilge sie!
Stärk den Müden, der des Lebens Plagen, Seine Lasten duldet - friedsam still; Donner sollen den Tyrannen schlagen, Der des Schweißes Frucht ihm rauben will!
Gib dem Mangel Speise, Trank und Hülle, Gib den Armen - ach mir bricht das Herz Gib dem Armen von des Reichen Fülle, Lindre du des müden Pilgers Schmerz.
O dann wölbt sich ruhig einst der Hügel Meines Grabes über mir: o Glück! Laß ich doch, beweht von Gottes Flügel, Dich, du liebes Vaterland, zurück.
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Interpretation
Das Gedicht "Neujahrswunsch" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist ein leidenschaftliches Plädoyer für ein besseres Leben und eine gerechtere Welt. Der Autor richtet seine Bitten an Gott und bittet ihn, auf die Not und das Leid der Menschen auf der Erde zu achten. Er beschreibt verschiedene Gruppen von Menschen, die unter unterschiedlichen Umständen leiden, wie Christen, die sich scheuen, zu ihrer Religion zu stehen, tugendhafte Menschen, die den Lastern der Gesellschaft zusehen müssen, und Patrioten, die den Niedergang ihrer Heimat miterleben. Schubart betont die Sterblichkeit der Menschen und die Notwendigkeit göttlicher Hilfe. Er bittet Gott, ein Führer auf dem "dornenvollen" Lebensweg zu sein und den Menschen in ihrer Not beizustehen. Der Autor fordert auch eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Ressourcen, indem er Gott bittet, den Armen von den Reichen zu geben. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich Schubart dem Wohl seines Vaterlandes und der deutschen Gesellschaft zu. Er wünscht sich ein friedliches Zusammenleben unter der Führung eines gerechten Kaisers und Fürsten. Der Autor ruft auch nach Dichtern, die von Tugend und Wahrheit erfüllt sind, und fordert, dass die Flamme des Genies nur dann brennen soll, wenn sie dem Guten dient. Insgesamt ist das Gedicht ein eindringlicher Appell an Gott und die Gesellschaft, sich für ein besseres Leben und eine gerechtere Welt einzusetzen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Und mit ihren Seufzern spielt der Wind.
- Metapher
- Laß ich doch, beweht von Gottes Flügel, Dich, du liebes Vaterland, zurück.
- Personifikation
- Weise gibt es, die die Thoren tragen
- Vergleich
- Wie die Eiche tiefgewurzelt stehen Laß mein Vaterland, mein Vaterland!