Neujahrslied (2)

Christian Friedrich Daniel Schubart

1782

Mit Todesschauer denken wir Der Jahre schnellen Lauf Und singen in dem Tempel hier Ein Lied zu Gott hinauf.

Schnell, wie Gedanken, Schall und Licht, Flieht hinter uns die Zeit, Und vor uns drohet ein Gericht Und eine Ewigkeit.

Und dennoch morden wir die Zeit Und fürchten nicht den Tod? Und fürchten nicht die Ewigkeit, Die unsern Mördern droht?

Wer nicht an Jesum Christurn glaubt, Und ihn nicht brünstig liebt, Dem Schöpfer seine Ehre raubt Und sie Geschöpfen giebt;

Wer wie ein Vieh aus Pfützen säuft, Im Lasterkothe wühlt; Wer Sünden wie Gebirge häuft, Und doch den Berg nicht fühlt;

Und wer mit hündischer Begier An seinen Gütern zerrt, Vor einem Lazarus die Thür′ Mit großen Riegeln sperrt;

Wer eine blut′ge Thränenfluth Aus Wittwenaugen preßt, Und seinen fetten Wanst vom Blut Zertretner Waisen mäst′t;

Wer aussen wie ein Schaaf gekleidt, Von innen wölfisch denkt, Und wer das Glück der Ewigkeit Für Erdenglück verschenkt;

Wer Brüdern nach dem Leben greift, Mit Rache angethan; Wer nur Beleidigungen häuft Und nicht verzeihen kann;

Wer gähnend seine Pflicht vergißt Und Zeitvertreibe sucht, Und wenn die Zeit verflogen ist, Auf ihre flucht;

Wer unreif zu der Ewigkeit Zum Tode sich nicht schickt: Das ist der Mörder, der die Zeit Mit eigner Hand erdrückt.

Sind solche Ungeheuer hier: Herr, so bekehre sie! Der ganze Tempel seufzt wie wir: Ach Herr! bekehre sie.

Wie viele singen heute auf, Noch unbekehrt und blind, Die nach vollbrachtem Jahreslauf Schon Staub und Moder sind.

Wie dunkle Schatten fahren sie Zur Hölle dann hinab; Zu der Tyrannin, die noch nie Die Todten wieder gab.

Drum arme Seele denke heut Mit Ernst an deinen Tod; Denn jedes unsrer Jahre schreyt: Gedenk an deinen Tod!

Zu dir - der seyn wird - ist - und war, Steig unser Lied hinauf: Ach Gott, nimm doch in diesem Jahr Die Toten zu dir auf

Und du, Vertreter, rede laut, Wenn uns der Richter droht; Wenn Zorn aus seinem Auge schaut Und aus der Stirne Tod. -

Geist Gottes, zeige deine Macht, Wenn uns das Auge bricht. In einer solchen Mitternacht, Da brauchen wir ja Licht.

Wie kann der frommen Christenschaar Der Tod nun schrecklich seyn? Sie weihen ja das neue Jahr Mit ihren Thränen ein.

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Illustration zu Neujahrslied (2)

Interpretation

Das Gedicht "Neujahrslied (2)" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens und die menschliche Verantwortung gegenüber der Zeit. Es beginnt mit einem ernsten Ton, der die flüchtige Natur der Jahre betont und die Menschen dazu aufruft, ein Lied zu Gott zu singen. Der Dichter vergleicht die Zeit mit Gedanken, Schall und Licht, die schnell vergehen, und warnt vor dem bevorstehenden Gericht und der Ewigkeit. Schubart kritisiert scharf das menschliche Verhalten, die Zeit zu "morden" und die damit verbundenen Konsequenzen zu ignorieren. Er beschreibt verschiedene Arten von Sünden und moralischen Versäumnissen, die als "Mord an der Zeit" betrachtet werden können. Dazu gehören der Unglaube an Jesus Christus, das Leben in Lastern, die Anhäufung von Sünden, die Gier nach materiellen Gütern, die Ausbeutung anderer und die Vernachlässigung von Pflichten. Der Dichter betont, dass diese Handlungen nicht nur die Zeit vergeuden, sondern auch die Seele gefährden. Das Gedicht endet mit einem Appell an Gott, die unbußfertigen Sünder zu bekehren, und einer Mahnung an die Leser, sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein. Schubart erinnert daran, dass viele Menschen, die heute noch leben, nach einem Jahr bereits tot sein könnten. Er ruft zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod auf und bittet Gott, die Toten in diesem Jahr zu sich aufzunehmen. Das Gedicht schließt mit einem Gebet um die Gegenwart des Heiligen Geistes und die Stärkung des christlichen Glaubens, um den Tod nicht mehr als schrecklich zu empfinden.

Schlüsselwörter

tod zeit ewigkeit jahre singen tempel lied gott

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Stilmittel

Metapher
weihen ja das neue Jahr mit ihren Thränen ein
Personifikation
Die Jahre schnellen Lauf