Neujahrsgruß
1862Ans Tor des Türmers hab′ ich heut gepocht mit lautem Rufen: »Komm, führe mich vor Mitternacht zum Turm hinauf die Stufen! Denn ein Gelüsten treibt mich heut, mit mächtig hallendem Geläut die Welt zu meinen Füßen zu grüßen.«
Und an des Alten Seite stumm bin ich emporgestiegen. Tief lag die Erde schneeverhüllt, geruhig und verschwiegen. Die weite Stadt - ein Lichtermeer! Das blinkte hold von unten her wie goldnes Sterngewimmel vom Himmel.
Und oben hab′ ich tiefen Zugs den Hauch der Nacht getrunken; berauscht von tausend Bildern, ist mein Geist in sich versunken -: Jed′ Licht dort unten scheint ihm da ein Auge, das ins Ferne sah, an Tagen, die vergangen, zu hangen.
Und jeder Blick erspähte bald aus grauem Nebeldampfe ein eignes und besondres Bild vom ewigen Erdenkampfe. Wie manche leise Träne rann… Wie manches feste Herz begann in still erneuten Fluten zu bluten!…
Hob sich aus fernem Dunkel nicht hier - dort - ein Totenhügel? Flog nicht ein freundlich Antlitz her auf traumbewegtem Flügel? O ja, in stiller Neujahrsnacht der Toten wird zuerst gedacht, der Lieben, die im Hafen nun schlafen.
Doch mehr als Tod ist Lebensnot - horch, horch - in mancher Kammer gellt jäh durch die Erinnerung ein lauter, wilder Jammer! Ein nie verglommnes Weh entfacht so manchem diese stille Nacht, dem alles, was er träumte, zerschäumte.
Und ewig Kampf und ewig Streit mit Leiden und Gefahren, mit Elend, Krankheit, Lug und Trug seit tausend, tausend Jahren! Und war′s ein Jahr des Glücks vielleicht, so hat′s uns doch das Haar gebleicht, so ist es doch verronnen - zerronnen -
Wir kämpfen mit der Nagerin, der Zeit, der nimmermüden - still! War mir′s doch, als ob zur Lust von fern Gesänge lüden - fürwahr: ein leises Kling und Klang… Zum Mund mit Jubel und Gesang den Trank voll Glut und Leben sie heben!…
Ja! Eine Freudensonne glüht inmitten wilden Krieges: In allen edlen Herzen ist′s die Zuversicht des Sieges! Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt, das jeden Höllengeist verdirbt? Wo glänzt die blanke Wehre, die hehre?
Nun Mitternacht! - Da ließ ich weit die Glocke donnernd schwingen, und meine Seele schrie hinein mit Beben und mit Klingen: Sie soll uns Schwert des Lichtes sein, die reine Siegerin allein in Nacht- und Sturmgetriebe: Die Liebe.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Neujahrsgruß" von Otto Ernst thematisiert die Reflexion über das vergangene Jahr und die Hoffnung auf das neue Jahr. Der Erzähler steigt mit einem alten Turmwärter auf den Turm, um von dort aus die Welt zu begrüßen. Von oben betrachtet er die schneebedeckte Stadt und die Lichter, die wie ein Meer aus Sternen erscheinen. Die Betrachtung der Lichter lässt ihn an die Vergangenheit denken und an die Kämpfe und Leiden, die die Menschen durchleben. Er denkt an die Toten und an diejenigen, die in Not und Elend leben. Trotz all der Kämpfe und Leiden gibt es auch Momente der Freude und Zuversicht. Die Glocke läutet zur Mitternacht und der Erzähler ruft nach Liebe als dem reinen Schwert des Lichts, das den Sieg bringen soll.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's' Lautes in 'still! War mir's doch, als ob zur Lust von fern Gesänge lüden'.
- Anapher
- Die Wiederholung von 'Wo' in den Zeilen 'Wo glänzt die blanke Wehre, die hehre?'
- Bildsprache
- Die Beschreibung der Stadt als 'Lichtermeer' und der Schnee als 'schneeverhüllt'.
- Enjambement
- Der Zeilenumbruch in 'Und oben hab' ich tiefen Zugs / den Hauch der Nacht getrunken;'
- Hyperbel
- Die Aussage 'Ein ewig Kampf und ewig Streit mit Leiden und Gefahren'.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen 'Tod' und 'Leben' sowie 'Kampf' und 'Frieden'.
- Metapher
- Die Zeit wird als 'Nagerin' bezeichnet.
- Personifikation
- Die Liebe wird als 'sie' bezeichnet und als 'reine Siegerin' personifiziert.
- Symbolik
- Die 'Freudensonne' symbolisiert Hoffnung und Zuversicht.