Neujahr
1866Und wieder sprang ein dunkles Tor, Und wieder flutet Morgenluft Entgegen aus dem Dämmerflor Aus unbetretnen Fluren vor: Im Frühlicht grüßt ein neues Land - Rauschend in deiner Hand Flattert hochauf das Panier! Und hinter dir und mir Schließt sich wieder eine Gruft…
Stehst du, und lauschest zurück Nach dem metallenen Ton, Nach dem dumpfen Verhallen? Denkst du, wieviele Tore schon So ins Schloß uns gefallen? Wie zwischen allen Jahr um Jahr Unser Wallen Ohne Erfüllung war? Wie wir Pilger nach klarstem Gral Durch hemmende Qual, Durch täuschende Lust Weiter und immer nur weiter gemußt?
Bruder! voran geschaut, Vor in die fernste Ferne!
Dort, wo es graut und braut, Dort noch immer wartet das Glück Unverloren Hinter vielhundert Toren! Sieh, schon erlöschen die Sterne Unserer letztbegrabenen Nacht - Wieder ein Tag ist erwacht, Ein Tag vor Gott, ein Jahr der Tat! Brauchen wir besseren Rat? Fort, und hinein mit festem Schritt! All was wir sind und haben, Liegt nicht dahinten begraben - All unsre Sehnsucht nehmen wir mit!
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Interpretation
Das Gedicht "Neujahr" von Hanns von Gumppenberg thematisiert den Übergang ins neue Jahr als symbolische Passage durch ein dunkles Tor. Der Morgenluft entgegenströmend und im Frühlicht grüßt ein neues Land, das mit Hoffnung und Möglichkeiten verbunden ist. Das Panier flattert hochauf in der Hand, während hinter einem das Tor sich schließt wie eine Gruft, was die Vergänglichkeit und Endgültigkeit des Vergangenen betont. In der zweiten Strophe reflektiert der Sprecher über die vielen Tore, die bereits ins Schloss gefallen sind, und fragt sich, wie oft das Leben ohne Erfüllung verlaufen ist. Die Pilgerreise nach dem klaren Gral symbolisiert die Suche nach dem Sinn und dem Glück, die durch hemmende Qual und täuschende Lust behindert wird. Die Sehnsucht, weiter und immer nur weiter zu müssen, verdeutlicht die unaufhaltsame Natur des Lebens und der Zeit. Die letzte Strophe ruft zur Vorwärtsbewegung auf, zum Blick in die fernste Ferne, wo das Glück noch immer auf uns wartet. Die Sterne der letzten Nacht erlöschen, ein neuer Tag erwacht, ein Jahr der Tat beginnt. Der Sprecher ermutigt dazu, mit festem Schritt voranzugehen und all das, was man ist und hat, mitzunehmen, denn die Sehnsucht und Hoffnung liegen nicht in der Vergangenheit begraben, sondern begleiten einen in die Zukunft.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- All unsre Sehnsucht nehmen wir mit
- Anapher
- All was wir sind und haben, All unsre Sehnsucht nehmen wir mit
- Hyperbel
- All was wir sind und haben, All unsre Sehnsucht nehmen wir mit
- Metapher
- Ein Tag vor Gott, ein Jahr der Tat
- Personifikation
- All unsre Sehnsucht nehmen wir mit