Neujahr bei Pastors
1867Mama schöpft aus dem Punschgefäße, Der Vater lüftet das Gesäße Und spricht: »Jetzt sind es vier Minuten Nur mehr bis zwölfe, meine Guten.
Ich weiß, daß ihr mit mir empfindet, Wie dieses alte Jahr entschwindet, Und daß ihr Gott in seinen Werken – Mama, den Punsch noch was verstärken! –
Und daß ihr Gott von Herzen danket, Auch in der Liebe nimmer wanket, Weil alles, was uns widerfahren – Mama, nicht mit dem Arrak sparen! –
Weil, was geschah, und was geschehen, Ob wir es freilich nicht verstehen, Doch weise war, durch seine Gnade – Mama, er schmeckt noch immer fade! –
In diesem Sinne meine Guten, Es sind jetzt bloß mehr zwei Minuten, In diesem gläubig frommen Sinne – Gieß noch mal Rum in die Terrine! –
Wir bitten Gott, daß er uns helfe Auch ferner – Wie? Es schlägt schon zwölfe? Dann prosit! Prost an allen Tischen! – Ich will den Punsch mal selber mischen.«
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Interpretation
Das Gedicht "Neujahr bei Pastors" von Ludwig Thoma schildert eine Neujahrsfeier in einem bürgerlichen Haushalt. Die Familie, bestehend aus Eltern und Kindern, versammelt sich um einen Punsch, der im Mittelpunkt des Geschehens steht. Der Vater, offenbar der Hausherr, leitet das Geschehen und hält eine Art Neujahrsansprache, die jedoch immer wieder von Zwischenrufen unterbrochen wird, in denen er seine Frau auffordert, den Punsch zu verstärken. Die Interpretation des Gedichts könnte sich auf den Kontrast zwischen der scheinbaren Ernsthaftigkeit der Neujahrsansprache und der eigentlichen Beschäftigung mit dem Alkoholgenuss konzentrieren. Der Vater versucht, eine feierliche Stimmung zu erzeugen, indem er von Dankbarkeit gegenüber Gott und der Hoffnung auf göttliche Hilfe spricht. Doch diese Worte wirken hohl und unglaubwürdig, da sie immer wieder von Aufforderungen zur Aufbesserung des Punsches unterbrochen werden. Die Ironie des Gedichts liegt in der Diskrepanz zwischen den frommen Worten und dem tatsächlichen Verhalten der Familie. Statt über die Vergangenheit nachzudenken oder sich auf das neue Jahr vorzubereiten, konzentriert sich die Familie ausschließlich auf den Alkoholkonsum. Das Gedicht könnte als Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft verstanden werden, die sich gerne fromm und moralisch gibt, in Wirklichkeit aber ihren Gelüsten frönt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Und daß ihr Gott in seinen Werken
- Apostrophe
- Mama
- Aufzählung
- Weil, was geschah, und was geschehen
- Ausruf
- prosit! Prost an allen Tischen!
- Dialog
- Ich weiß, daß ihr mit mir empfindet
- Direkte Rede
- Jetzt sind es vier Minuten
- Frage
- Wie? Es schlägt schon zwölfe?
- Imperativ
- Gieß noch mal Rum in die Terrine!
- Ironie
- Weil alles, was uns widerfahren
- Kontrast
- In diesem Sinne meine Guten
- Metapher
- Das Gesäße
- Wiederholung
- Mama, den Punsch noch was verstärken!
- Zeitangabe
- Nur mehr bis zwölfe