Neueste Geschichte

Hermann Rollett

1825

Als in den Julitagen Paris in Flammen stand, Da hat der Brand geschlagen Weit in das deutsche Land.

Es ward zum Kampf geblasen, Zur heißen Geistesschlacht, Da spannten sie die Rafen Und hielten strenge Wacht.

Und wieder ward geblasen Mit Weltgerichtes-Ton, Da sprangen so wie Hasen Die Scheuen flugs davon.

Die Löwen aber blieben Und glühten heiß zusamm, Von treuem Sinn getrieben Zu einer Liebesflamm.

Und sie die kühnen Streiter! Von Grün und von Karl Beck Bis zu dem “Undsoweiter” Wie sprüht es kühn und keck!

Als stieg aus “Schutt” und “Nächten” Der Freiheit Morgenrot Das war ein starkes Fechten, Das scheute keinen Tod.

Da kam ein mutiger Recke Von “Fallersleben” her, Und rief aus dem Verstecke Das Volk zur offnen Wehr.

Und Herwegh kam geflogen Auf raschem Flügelroß, Mit Lanze, Schild und Bogen Mit blitzendem Geschoß.

Das ist ein heißes Streiten, Das ist ein lauter Klang, Ringsum in alle Weiten Ertönt der freie Sang

Und donnert Fluch den Knechten, Die fliehn im heil′gen Krieg, Das ist ein neues Fechten — Das wird ein neuer Sieg! —

Und rüstig fortgefochten, Du siegeswerte Schaar, Was Jahre nicht vermochten, Vermag ein einzig Jahr.

Ist Mancher auch vermessen, Wankt Mancher in der Schlacht, Das wird sich schon vergessen, Wenn ihr den Sieg gebracht.

Auf! Herwegh, der du müssen, Weil du es triebst zu weit, Für deine Freiheit büßen - Nun wieder in den Streit!

Und Dingelstedt, der Wächter, Der träumend sich verlor, Wird wiederum ein Fechter Und hält, was er beschwor.

Faßt seine Hellebarde Nun wieder in den Arm, Des Wortes Kraftpetarde Schlägt wiederum Alarm.

Auf, Kämpfer! zeigt der Erde Der Freiheit schönen Leib, Daß sie begeistert werde Fürs holde Götterweib!

Vielleicht vom Klang der Waffen Wird Freiligrath bekehrt, Und zäumt sich statt Giraffen Ein deutsches Flügelpferd.

Vielleicht, daß Rüge′s Blätter Zu Neuem auferstehn Und weisend durch das Wetter Als Wetterfahne wehn.

Indeß sieht Heinrich Heine Still der Geschichte zu Und schreibt uns von der Seine Den “Atta Troll” in Ruh. -

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Neueste Geschichte

Interpretation

Das Gedicht "Neueste Geschichte" von Hermann Rollett beschreibt die revolutionären Ereignisse in Deutschland, die durch die Julirevolution in Paris 1830 ausgelöst wurden. Rollett schildert, wie der "Brand" der Revolution weit ins deutsche Land schlug und einen "heißen Geistesschlacht" entfachte. Die mutigen Kämpfer, die "Löwen", bleiben standhaft und glühen in einer "Liebesflamm" für die Freiheit. Der Dichter erwähnt verschiedene Dichter und Intellektuelle, die sich der revolutionären Bewegung anschlossen, wie Herwegh, Dingelstedt und Freiligrath, und ruft sie auf, im Kampf für die Freiheit weiterzumachen. Das Gedicht zeichnet sich durch eine kämpferische und enthusiastische Stimmung aus, die den revolutionären Eifer der Zeit widerspiegelt. Rollett verwendet martialische Bilder und Metaphern, um die Intensität des Kampfes und die Entschlossenheit der Revolutionäre zu vermitteln. Die "Hellebarde" und die "Kraftpetarde" symbolisieren die Waffen des geistigen Kampfes, während der "schöne Leib der Freiheit" als göttliches Weib verehrt wird, das die Kämpfer inspiriert und begeistert. Das Gedicht endet mit einem Seitenblick auf Heinrich Heine, der abseits des Geschehens still "Atta Troll" schreibt. Dies könnte als Kritik an Heine interpretiert werden, der sich nicht aktiv am revolutionären Kampf beteiligt, sondern sich in seine Dichtung zurückzieht. Insgesamt ist "Neueste Geschichte" ein leidenschaftliches Plädoyer für die deutsche Revolution und die Dichter, die sich für die Sache der Freiheit einsetzen.

Schlüsselwörter

freiheit weit ward geblasen fechten kam herwegh klang

Wortwolke

Wortwolke zu Neueste Geschichte

Stilmittel

Metapher
Den 'Atta Troll' in Ruh
Personifikation
Es ward zum Kampf geblasen
Vergleich
Da sprangen so wie Hasen