Neue Liebe

Eduard Mörike

1846

Kann auch ein Mensch des andern auf der Erde Ganz, wie er möchte, sein? - In langer Nacht bedacht′ ich mir′s und mußte sagen: Nein!

So kann ich niemands heißen auf der Erde, Und niemand wäre mein? - Aus Finsternissen hell in mir aufzückt ein Freudenschein:

Sollt′ ich mit Gott nicht können sein, So wie ich möchte, mein und dein? Was hielte mich, daß ich′s nicht heute werde?

Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein: Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte sein, Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!

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Illustration zu Neue Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Neue Liebe" von Eduard Mörike thematisiert die menschliche Sehnsucht nach vollkommener Liebe und die Frage, ob es möglich ist, einen anderen Menschen ganz so zu haben, wie man ihn sich wünscht. Der Sprecher reflektiert in einer langen Nacht über diese Frage und kommt zu dem Schluss, dass es nicht möglich ist, einen anderen Menschen vollständig zu besitzen oder von jemandem vollständig besessen zu werden. Doch plötzlich erhellt ein Freudenschein die Dunkelheit, und der Sprecher erkennt, dass er, wenn er nicht einmal mit Gott sein kann, wie er möchte, dann auch keinen anderen Menschen vollständig haben kann. Diese Erkenntnis bringt ein süßes Schrecken mit sich, da der Sprecher sich wundert, dass es ihm ein Wunder sein will, Gott selbst auf Erden zu eigen zu haben. Das Gedicht endet mit der Frage, was den Sprecher davon abhalten sollte, heute Gott zu eigen zu haben. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass die menschliche Sehnsucht nach vollkommener Liebe letztendlich auf Gott gerichtet ist. Der Sprecher erkennt, dass nur Gott in der Lage ist, die Sehnsucht nach vollkommener Liebe zu stillen, da nur er in der Lage ist, den Menschen so anzunehmen, wie er ist. Das Gedicht vermittelt somit eine Botschaft der Hoffnung und des Trostes, indem es darauf hinweist, dass die menschliche Sehnsucht nach Liebe letztendlich in Gott ihre Erfüllung finden kann.

Schlüsselwörter

erde kann möchte gott mensch andern ganz langer

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte sein
Anapher
So kann ich niemands heißen auf der Erde, Und niemand wäre mein?
Frage
Kann auch ein Mensch des andern auf der Erde ganz, wie er möchte, sein?
Hyperbel
Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein
Metapher
Aus Finsternissen hell in mir aufzückt ein Freudenschein