Neue Liebe, neues Leben

Johann Wolfgang von Goethe

1775

Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr? Welch ein fremdes, neues Leben! Ich erkenne dich nicht mehr. Weg ist alles, was du liebtest, Weg, warum du dich betrübtest, Weg dein Fleiß und deine Ruh - Ach, wie kamst du nur dazu!

Fesselt dich die Jugendblüte, Diese liebliche Gestalt, Dieser Blick voll Treu und Güte Mit unendlicher Gewalt? Will ich rasch mich ihr entziehen, Mich ermannen, ihr entfliehen, Führet mich im Augenblick, Ach, mein Weg zu ihr zurück.

Und an diesem Zauberfädchen, Das sich nicht zerreißen läßt, Hält das liebe, lose Mädchen Mich so wider Willen fest; Muß in ihrem Zauberkreise Leben nun auf ihre Weise. Die Verändrung, ach, wie groß! Liebe! Liebe! laß mich los!

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Illustration zu Neue Liebe, neues Leben

Interpretation

Das Gedicht "Neue Liebe, neues Leben" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die überwältigenden Gefühle und den inneren Konflikt eines Menschen, der von einer neuen Liebe ergriffen wird. Der Sprecher fühlt sich von dieser plötzlichen Leidenschaft überrascht und verwirrt, da sie sein bisheriges Leben völlig auf den Kopf stellt. Die Liebe hat ihn so sehr in ihren Bann gezogen, dass er sich selbst kaum noch wiedererkennt. Der zweite Teil des Gedichts verdeutlicht den Kampf zwischen Vernunft und Gefühl. Der Sprecher versucht, der Anziehungskraft der jungen Frau zu widerstehen und sich von ihr zu lösen, doch es gelingt ihm nicht. Die Liebe zieht ihn unaufhaltsam an und führt ihn immer wieder zu ihr zurück, obwohl er sich bemüht, ihr zu entfliehen. Die Metapher des "Zauberfadens" symbolisiert die unzerreißbare Verbindung zwischen den beiden Liebenden. Im letzten Teil des Gedichts akzeptiert der Sprecher schließlich die Macht der Liebe und die damit verbundene Veränderung seines Lebens. Er erkennt, dass er nun in ihrem "Zauberkreis" leben muss und sich an ihre Art des Lebens anpassen muss. Der wiederholte Ruf "Liebe! Liebe! laß mich los!" am Ende des Gedichts drückt sowohl die Sehnsucht nach Befreiung von dieser übermächtigen Gefühlsregung als auch die tiefe Verbundenheit mit der geliebten Person aus. Es bleibt offen, ob der Sprecher tatsächlich frei sein möchte oder ob er die Liebe als etwas Unausweichliches akzeptiert hat.

Schlüsselwörter

weg liebe herz leben soll geben bedränget welch

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Diese liebliche Gestalt
Anapher
Weg ist alles, was du liebtest, Weg, warum du dich betrübtest, Weg dein Fleiß und deine Ruh
Bildsprache
Und an diesem Zauberfädchen, Das sich nicht zerreißen läßt
Chiasmus
Hält das liebe, lose Mädchen Mich so wider Willen fest
Kontrast
Will ich rasch mich ihr entziehen, Mich ermannen, ihr entfliehen, Führet mich im Augenblick, Ach, mein Weg zu ihr zurück
Metapher
Fesselt dich die Jugendblüte
Personifikation
Liebe! Liebe! laß mich los!
Rhetorische Frage
Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr?