Nemt, vrouwe, disen kranz

Walther von der Vogelweide

1170

“Nemt, vrouwe, disen kranz:” alsô sprach ich zeiner wol getânen maget: “Sô zieret ir den tanz, mit den schœnen bluomen, als ir si ûfe traget. hete ich vil edele gesteine, daz müeste ûf iuwer houbet, ob ir mirs geloubet. sêt mîne triuwe, daz ichz meine.”

Si nam daz ich ir bôt, einem kinde vil gelîch daz êre hât. ir wangen wurden rôt, sam diu rôse, dâ si bî der liljen stât. dô erschamten sich ir liehten ougen: doch neic si mir schône. daz wart mir ze lône: wirt mirs iht mêr, daz trage ich tougen.

“Vrouwe, ir sît sô wol getân, daz ich iu mîn schapel gerne geben wil, sô ichz aller beste hân. wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil: die stênt niht verre in jener heide. dâ si schône entspringent und die vogele singent, dâ suln wir si brechen beide.”

Mich dûhte daz mir nie lieber wurde, danne mir ze muote was. die bluomenvielen ie vondem boumebî uns nider an daz gras. seht, dô muoste ich von vreuden lachen. dô ich sô wünnecliche was in troume rîche, dô tagete ez und muose ich wachen.

Mir ist von ir geschehen, daz ich disen sumer allen meiden muoz vaste under dougen sehen: lîhte wirt mir einiu: sôst mir sorgen buoz. Waz ob si gêt an disem tanze? vrouwe, durch iuwer güete rucket ûf die hüete. ouwê gesæhe ich si under kranze!

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Illustration zu Nemt, vrouwe, disen kranz

Interpretation

Das Gedicht "Nemt, vrouwe, disen kranz" von Walther von der Vogelweide handelt von einem Minnegesang, in dem der Sprecher einer Dame einen Kranz als Geschenk anbietet. Er drückt seine Verehrung und Zuneigung aus, indem er ihr den Kranz zum Tanzen anbietet und ihr seine Treue verspricht. Die Dame nimmt das Geschenk an, errötet vor Freude und ihre Augen leuchten. Der Sprecher ist überglücklich über ihre Annahme und bietet ihr daraufhin seinen Hut als weiteres Geschenk an. Er schlägt vor, gemeinsam Blumen in einer schönen Heide zu pflücken, wo Vögel singen. Die Freude des Sprechers ist so groß, dass er in Träumen davon träumt und am Ende erwacht. Das Gedicht endet damit, dass der Sprecher die Dame bei einem Tanz beobachtet und seine Sehnsucht nach ihr zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

daz vrouwe vil disen wol bluomen iuwer mirs

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Stilmittel

Alliteration
Sam diu rôse
Bildsprache
Die bluomenvielen ie vondem boumebî uns nider an daz gras
Hyperbel
Ich vil edele gesteine
Kontrast
Wîzer unde rôter bluomen weiz ich vil
Metapher
Sam diu rôse, dâ si bî der liljen stât.
Personifikation
Und die vogele singent
Symbolik
Den kranz
Vergleich
Einem kinde vil gelîch daz êre hât.