Nemesis

Johann Wolfgang von Goethe

unknown

Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet, Soll man vorsichtig die Gesellschaft lassen. Auch hab ich oft mit Zaudern und Verpassen Vor manchen Influenzen mich gehütet.

Und ob gleich Amor öfters mich begütet, Mocht ich zuletzt mich nicht mit ihm befassen. So ging mir’s auch mit jenen Lacrimassen, Als vier - und dreifach reimend sie gebrütet.

Nun aber folgt die Strafe dem Verächter, Als wenn die Schlangenfackel der Erinnen Von Berg zu Tal, von Land zu Meer ihn triebe.

Ich höre wohl der Genien Gelächter; Doch trennet mich von jeglichem Besinnen Sonettenwut und Raserei der Liebe.

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Illustration zu Nemesis

Interpretation

Das Gedicht "Nemesis" von Johann Wolfgang von Goethe beschäftigt sich mit dem Thema der poetischen Inspiration und deren unerbittlicher Macht. Der Sprecher reflektiert über seine frühere Vorsicht gegenüber gesellschaftlichen Einflüssen und poetischen Versuchungen. Er beschreibt, wie er sich vor "Influenzen" und den "Lacrimassen" (Tränen-Gedichten) geschützt hat, indem er zauderte und verpasste. In der zweiten Strophe erkennt der Sprecher, dass seine frühere Vorsicht nun bestraft wird. Die "Schlangenfackel der Erinnen" (der Erinnerung) treibt ihn unaufhaltsam von Berg zu Tal, von Land zu Meer. Dies symbolisiert die allgegenwärtige und unentrinnbare Natur der poetischen Inspiration, die nun über ihn gekommen ist. Die Strafe für seinen früheren Zwang und seine Vorsicht besteht darin, dass er nun selbst von der "Sonettenwut" und der "Raserei der Liebe" ergriffen wird. Die Genien (poetische Geister) lachen über den Sprecher, der nun selbst von der Inspiration ergriffen ist, die er früher vermieden hat. Das Gedicht verdeutlicht die unkontrollierbare und übermächtige Natur der künstlerischen Schöpfung, die den Dichter unabhängig von seinem Willen ergreift und ihn in ihren Bann zieht.

Schlüsselwörter

volk grimme seuche wütet soll vorsichtig gesellschaft lassen

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Stilmittel

Alliteration
Zaudern und Verpassen
Bildsprache
Als vier - und dreifach reimend sie gebrütet
Kontrast
Doch trennet mich von jeglichem Besinnen Sonettenwut und Raserei der Liebe
Metapher
Schlangenfackel der Erinnen
Personifikation
Wenn durch das Volk die grimme Seuche wütet