Neid der Sehnsucht

Nikolaus Lenau

1902

Die Bäche rauschen Der Frühlingssonne, Hell singen die Vögel, Es lauschen die Blüten, Und sprachlos ringen Sich Wonnedüfte Aus ihrem Busen; Und ich muß trauern, Denn nimmer strahlt mir Dein Aug, o Geliebte! – Nicht über den Wellen Des Ozeanes, Nicht über den Sternen Und nicht im Lande Der Phantasien Ist meine Heimat; Ich finde sie nur In deinem Auge! Was je mir freudig Beseelte das Leben, Was nach dem Tode Mir weckte die Sehnsucht, Entschwundner Kindheit Fröhliche Tage

Und meiner Jugend Himmlische Träume, Von meinen Toten Trauliche Grüße Und meiner Gottheit Stärkenden Anblick, Das alles find ich In deinem Auge, O meine Geliebte! Nun bist du ferne, Und bitter beneiden Muß jeden Stein ich Und jede Blume, Beneiden die kalten Menschen und Sterne, An die du vergeudest Die süßen Blicke.

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Illustration zu Neid der Sehnsucht

Interpretation

Das Gedicht "Neid der Sehnsucht" von Nikolaus Lenau beschreibt die tiefe Sehnsucht und den Neid des lyrischen Ichs nach seiner Geliebten. Die Natur wird in voller Pracht dargestellt - Bäche rauschen, Vögel singen, Blüten lauschen und Düfte strömen -, während das Ich in Trauer versinkt, da das Auge seiner Geliebten ihm nicht strahlt. Diese Kontrastierung unterstreicht die innere Leere und das emotionale Leiden des Sprechers, das sich gegen die fröhliche Umgebung abhebt. Das Ich findet seine Heimat und sein ganzes Glück allein in den Augen der Geliebten. Alles, was ihm im Leben Freude und Trost spendet – Kindheit, Jugend, Träume, die Erinnerung an Tote und der Blick auf die Gottheit – findet sich in ihrem Blick wieder. Diese Übertragung aller positiven Erfahrungen auf die Geliebte verdeutlicht die totale Abhängigkeit des Ichs von ihr und die Intensität seiner Liebe. Der Verlust dieser Verbindung lässt das Ich leer und heimatlos erscheinen. Da die Geliebte nun fern ist, beneidet das Ich jeden Stein, jede Blume, jeden Menschen und jeden Stern, der in den Genuss ihrer Blicke kommt. Dieser Neid verdeutlicht die Verzweiflung und das tiefe Verlangen nach der verlorenen Nähe. Das Gedicht endet in einer Stimmung voll unerfüllter Sehnsucht und schmerzhafter Eifersucht, die den emotionalen Zustand des lyrischen Ichs nachhaltig prägt.

Schlüsselwörter

muß geliebte auge beneiden bäche rauschen frühlingssonne hell

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Bäche rauschen
Anapher
Nicht über den Wellen, Nicht über den Sternen, Und nicht im Lande
Bildsprache
Wonnedüfte Aus ihrem Busen
Enjambement
Und ich muß trauern, Denn nimmer strahlt mir Dein Aug, o Geliebte! – Nicht über den Wellen
Hyperbel
Nicht über den Wellen des Ozeanes, Nicht über den Sternen
Kontrast
Und ich muß trauern, Denn nimmer strahlt mir Dein Aug, o Geliebte
Metapher
Dein Aug, o Geliebte
Parallelismus
Was je mir freudig Beseelte das Leben, Was nach dem Tode Mir weckte die Sehnsucht
Personifikation
Es lauschen die Blüten
Symbolik
Dein Auge als Symbol der Heimat und Liebe