Nebenan
1890Es raschelt so im Nebenzimmer im zweiten Stock, 310 - ich sehe einen gelben Schimmer, ich höre, doch ich kann nichts sehn. Lacht eine Frau? spricht da ein Mann? ich halte meinen Atem an - Sind das da zwei? was die wohl sagen? ich spüre Uhrgetick und Pulse schlagen… Ohr an die Wand. Was hör ich dann von nebenan -?
Knackt da ein Bett? Rauscht da ein Kissen? Ist das mein Atem oder der von jenen… alles will ich wissen! Gib, Gott, den Lautverstärker her -! Ein Stöhnen; hab ich’s nicht gewusst… Ich zecke an der fremden Lust; ich will sie voller Graun beneiden um jenes Dritte, über beiden, das weder sie noch er empfinden kann… “Marie -!” Zerplatzt. Ein Stubenmädchen war nur nebenan.
War ich als Kind wo eingeladen -: nur auswärts schmeckt das Essen schön, Bei andern siehst du die Fassaden, hörst nur Musik und Lustgestöhn. Ich auch! ich auch! es greift die Hand nach einem nicht vorhandenen Land: Ja, da -! strahlt warmer Lampenschimmer. Ja, da ist Heimat und das Glück. In jeder Straße lässt du immer ein kleines Stückchen Herz zurück. Darfst nie der eigenen Schwäche fluchen; musst immer nach einem Dolchstoß suchen. Ja, da könnt ich in Ruhe schreiben! Ja, hier -! hier möcht’ ich immer bleiben, in dieser Landschaft, wo wir stehn, und ich möchte nie mehr nach Hause gehn.
Schön ist nur, was niemals dein. Es ist heiter, zu reisen, und schrecklich, zu sein. Ewiger, ewiger Wandersmann um das kleine Zimmer nebenan.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Nebenan" von Kurt Tucholsky handelt von der Sehnsucht nach dem Fremden und Unerreichbaren. Der Erzähler belauscht neugierig das Nebenzimmer und fantasiert über die dort stattfindenden intimen Momente. Er beneidet die Unbekannten um ihre Leidenschaft und das, was er selbst nicht erfahren kann. Doch am Ende stellt sich heraus, dass es sich nur um ein Stubenmädchen handelte, was die Nutzlosigkeit seiner Fantasien verdeutlicht. Das Gedicht reflektiert über die menschliche Tendenz, das Gras auf der anderen Seite immer grüner zu sehen. Der Erzähler sehnt sich nach dem, was er nicht hat, und idealisiert das Leben anderer. Er fühlt sich zu Hause unzufrieden und träumt davon, an einem anderen Ort glücklich zu sein. Doch diese Sehnsucht ist letztlich eine Flucht vor sich selbst und den eigenen Schwächen. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass das Unerreichbare immer attraktiver erscheint als das Vertraute. Der Erzähler identifiziert sich als "ewiger Wandersmann", der ständig nach dem kleinen Zimmer nebenan sucht, das er nie betreten kann. Diese unstillbare Sehnsucht nach dem Fremden und die Unfähigkeit, das eigene Leben zu akzeptieren, sind die zentralen Themen des Gedichts.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Gib, Gott, den Lautverstärker her -!
- Metapher
- ewiger, ewiger Wandersmann um das kleine Zimmer nebenan
- Paradox
- es ist heiter, zu reisen, und schrecklich, zu sein
- Personifikation
- ich spüre Uhrgetick und Pulse schlagen