Neapolitanisches Bild
1863Fleißig hämmert der Schmied, mein Nachbar, da naht sich bedächtig Ihm der heischende Mönch, willig auch reicht ihm der Mann, Den er noch kaum verdient durch frühe Arbeit, den Groschen, Und es beut ihm der Mönch einen gedoppelten Dank, Erst die Madonna zum Kuß und dann die Dose zum Schnupfen, Jener küßt und nimmt ruhig die Prise darauf.
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Interpretation
Das Gedicht "Neapolitanisches Bild" von Friedrich Hebbel zeigt eine Szene aus dem Alltag in Neapel, in der ein Schmied von einem Bettelmönch aufgesucht wird. Der Schmied, der gerade fleißig an seiner Arbeit ist, reicht dem Mönch bereitwillig einen Groschen, obwohl er diesen noch nicht durch seine frühe Arbeit verdient hat. Der Mönch bedankt sich auf eine besondere Weise: Er bietet dem Schmied erst die Madonna zum Kuss und dann eine Dose zum Schnupfen an. Der Schmied nimmt beides an und schnupft ruhig, nachdem er die Madonna geküsst hat. Das Gedicht verdeutlicht die enge Verflechtung von Religion und Alltag im Neapel des 19. Jahrhunderts. Der Bettelmönch nutzt die religiöse Verehrung der Madonna, um seine Spenden zu erhöhen. Der Schmied wiederum zeigt sich als frommer und großzügiger Mensch, der bereit ist, seinen Verdienst mit den weniger Begünstigten zu teilen. Die ruhige Art, mit der der Schmied die Prise schnupft, nachdem er die Madonna geküsst hat, unterstreicht die Selbstverständlichkeit dieser Handlungen im damaligen Neapel. Das Gedicht wirft auch Fragen nach der Authentizität der religiösen Handlungen auf. Es ist unklar, ob der Schmied die Madonna aus echtem Glauben küsst oder nur, um die Prise Schnupftabak zu erhalten. Ebenso bleibt offen, ob der Mönch wirklich den Armen helfen will oder nur seinen eigenen Vorteil sucht. Hebbel lässt diese Ambivalenz bewusst stehen und überlässt es dem Leser, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Fleißig hämmert der Schmied
- Enjambement
- Ihm der heischende Mönch, willig auch reicht ihm der Mann, / Den er noch kaum verdient durch frühe Arbeit, den Groschen
- Kontrast
- willig auch reicht ihm der Mann, / Den er noch kaum verdient durch frühe Arbeit
- Metapher
- gedoppelten Dank
- Parallelismus
- Erst die Madonna zum Kuß und dann die Dose zum Schnupfen
- Personifikation
- da naht sich bedächtig