Natur und Liebe
1862Fordre nicht, daß ich mit Worten sage Was mich quält und peinigt jeden Tag! Müde bin ich, daß ich keine Worte Auch von deinen Lippen hören mag.
Menschen haben mir so viel mit Weisheit Und mit leerem Troste zugesetzt, Daß vor ihrer wortbehenden Liebe Wahrlich sich mein scheues Ohr entsetzt.
Laß du mich in deine weichen Hände Stumm vergraben Stirn und Wangen nur; Dann empfind´ich schauernd deine Liebe Wie den leisen Odem der Natur.
Und zu dir zieht mich dieselbe Lockung Ewigen Friedens, der ich oft gelauscht, Die aus Quellen flüstert und aus Blumen Und von hohen, heil´gen Bäumen rauscht.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Natur und Liebe" von Otto Ernst thematisiert die Sehnsucht nach einer tiefen, nonverbalen Verbindung, die über Worte hinausgeht. Der Sprecher bittet darum, nicht mit Worten erklären zu müssen, was ihn quält, da er selbst müde ist von der Unfähigkeit, die richtigen Worte zu finden. Die Menschen um ihn herum haben ihm mit ihrem leeren Trost und ihrer wortreichen Weisheit zugesetzt, sodass er sich vor ihrer "wortbehenden Liebe" entsetzt. Der Sprecher sehnt sich nach einer stillen, intimen Berührung, bei der er seine Stirn und Wangen in die weichen Hände des Gegenübers vergraben kann. In dieser Stille kann er die Liebe des anderen empfinden, vergleichbar mit dem leisen Atem der Natur. Diese Verbindung ist für ihn tröstlicher und authentischer als jede verbale Kommunikation. Die letzte Strophe verdeutlicht, dass die Anziehungskraft, die den Sprecher zu seinem Gegenüber zieht, dieselbe ist, die ihn zur Natur hinzieht. Es ist die Sehnsucht nach ewigem Frieden, den er in Quellen, Blumen und hohen, heiligen Bäumen wahrnehmen kann. Die Natur und die Liebe des Gegenübers bieten ihm einen Zufluchtsort vor der lauten, wortreichen Welt der Menschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Müde bin ich, daß ich keine Worte
- Hyperbel
- Müde bin ich, daß ich keine Worte
- Kontrast
- Menschen haben mir so viel mit Weisheit / Und mit leerem Troste zugesetzt
- Metapher
- Wie den leisen Odem der Natur
- Personifikation
- Die aus Quellen flüstert und aus Blumen
- Vergleich
- Dann empfind´ich schauernd deine Liebe / Wie den leisen Odem der Natur