Narzissen
Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn ich lag, von dir umschlungen,
dir zu Füßen hingerissen,
um uns schwankten die Narzissen?
Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den blauen Juninächten,
wenn wir, müde von den Küssen,
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?
Wieder leuchten dir zu Füßen,
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die blauen Nächte blinken,
wieder duften die Narzissen.
Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Narzissen“ von Richard Dehmel ist eine melancholische Rückschau auf eine vergangene Liebe, die durch die wiederkehrenden Bilder der Narzissen und die Erinnerung an die gemeinsame Zeit am Leben gehalten wird. Es ist von einer tiefen Sehnsucht nach der Vergangenheit geprägt, die sich in der Wiederholung von Fragen und Adjektiven ausdrückt, welche die Intensität der einstigen Gefühle hervorheben sollen. Die Narzissen, als verbindendes Element zwischen Vergangenheit und Gegenwart, symbolisieren die Schönheit und Vergänglichkeit der Liebe.
Die Struktur des Gedichts ist durch die zyklische Anordnung der Strophen gekennzeichnet, was die fortwährende Präsenz der Erinnerungen und die Wiederholung der Emotionen widerspiegelt. Die Fragen „Weißt du noch…?“ fungieren als eine Art Gespräch mit der/dem Geliebten und fordern diese/n auf, sich an die gemeinsamen Erlebnisse zu erinnern. Die Adjektive „weiß“, „bleich“, „heiß“ und „weich“ beschreiben nicht nur die Gefühle, sondern auch die sinnliche Erfahrung der Liebe, wobei die Farb- und Temperaturkontraste die Bandbreite der Empfindungen verdeutlichen.
Die Natur spielt eine wichtige Rolle im Gedicht. Die Erwähnung von „Maiendämmerungen“ und „blauen Juninächten“ verankert die Erinnerungen in einem bestimmten Zeitrahmen und verstärkt das Gefühl der Nostalgie. Die Narzissen, die in allen drei Strophen auftauchen, dienen als Symbol für die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Liebe. Sie blühen im Frühling und stehen somit für einen Neubeginn, doch ihre Vergänglichkeit erinnert an die Endlichkeit der Beziehung. Die Sinne werden angesprochen durch die „Düfte“ der Narzissen und die „Küssen“, was die Intensität der Erinnerung unterstreicht.
Die letzte Strophe wiederholt Elemente der ersten beiden Strophen und schließt den Kreis. Die Wiederkehr der Narzissen, der Dämmerungen und der Nächte verdeutlicht, dass die Erinnerungen an die Liebe auch in der Gegenwart präsent sind. Die abschließende Frage „Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?“ unterstreicht die Unfähigkeit, die Vergangenheit loszulassen. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Sehnsucht und dem Bewusstsein der unerreichbaren Liebe, das durch die wiederholten Fragen noch verstärkt wird. Es ist ein melancholisches Bekenntnis zur Macht der Erinnerung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.