Narzissen

Richard Dehmel

1920

Weißt du noch, wie weiß, wie bleich in den Maiendämmerungen, wenn ich lag, von dir umschlungen, dir zu Füßen hingerissen, um uns schwankten die Narzissen?

Weißt du noch, wie heiß, wie weich in den blauen Juninächten, wenn wir, müde von den Küssen, um uns flochten deine Flechten, Düfte hauchten die Narzissen?

Wieder leuchten dir zu Füßen, wenn die Dämmerungen sinken, wenn die blauen Nächte blinken, wieder duften die Narzissen. Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?

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Illustration zu Narzissen

Interpretation

Das Gedicht "Narzissen" von Richard Dehmel thematisiert die Erinnerung an eine vergangene, leidenschaftliche Liebe. Der Sprecher erinnert sich an gemeinsame Momente mit seiner Geliebten, die von intensiver Zärtlichkeit und Sinnlichkeit geprägt waren. Die Narzissen dienen als Symbol für die vergängliche Schönheit und die flüchtige Natur der Liebe. Die erste Strophe beschreibt eine Szene im Mai, bei der der Sprecher von seiner Geliebten umschlungen liegt und von Narzissen umgeben ist. Die Verwendung von Farben wie "weiß" und "bleich" vermittelt eine gewisse Unschuld und Reinheit, die mit der aufkeimenden Liebe einhergeht. Die zweite Strophe führt den Leser in den Juni, wo die Liebe bereits intensiver geworden ist. Die "heißen" und "weichen" Nächte sowie die Müdigkeit von den Küssen lassen auf eine leidenschaftliche Beziehung schließen. Die dritte Strophe bringt die Erinnerung in die Gegenwart. Die Narzissen leuchten und duften erneut, was darauf hindeutet, dass die Erinnerung an die vergangene Liebe noch immer präsent ist. Der Sprecher fragt am Ende des Gedichts erneut: "Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?" Dies impliziert, dass die Geliebte möglicherweise nicht mehr an diese Momente denkt oder dass die Erinnerungen für sie verblasst sind. Das Gedicht vermittelt somit eine bittersüße Nostalgie für eine verlorene Liebe und die Vergänglichkeit der Zeit.

Schlüsselwörter

weißt narzissen bleich füßen heiß blauen weiß maiendämmerungen

Wortwolke

Wortwolke zu Narzissen

Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 'w' Lautes in 'Weißt du noch, wie weiß, wie bleich'
Anapher
Die Wiederholung von 'Weißt du noch' am Anfang der ersten beiden Stropfen
Enjambement
Der Gedankenfluss setzt sich über Zeilengrenzen hinweg fort, z.B. 'von dir umschlungen, dir zu Füßen hingerissen'
Kontrast
Der Kontrast zwischen 'weiß, wie bleich' und 'heiß, wie weich' in den ersten beiden Strophen
Metapher
Die Verwendung von 'Narzissen' als Symbol für die vergangene Liebe und die damit verbundenen Gefühle
Parallelismus
Die Struktur der ersten beiden Strophen, die jeweils mit 'Weißt du noch' beginnen und eine Frage über eine vergangene Erfahrung stellen
Personifikation
Die Narzissen werden als lebendig dargestellt, die 'um uns schwankten' und 'Düfte hauchten'
Rhetorische Frage
Die Verwendung von 'Weißt du noch' als rhetorische Frage, die keine direkte Antwort erwartet