Nänie

Heinrich Christian Boie

1760

Urguet? cui pudor et justitiae soror, Incorrupta fides, nudaque veritas Quando ullum inveniet parem?

Horat. od. I. 24, 5-8.

Starb der theure Mann von Ehre Starb der Herr von Schafskopf doch! Traun er lebt und schriebe noch, Wenn er nicht gestorben wäre!

Staunen mußten selbst Minister, Gab er ihnen Lehr und Rath. Wo er falsch geweißagt hat, War die Zukunft ihm zu düster.

Lob der Großen war der Angel Den er aus nach Gelde warf. Hatt’ er, was ein Mensch bedarf, Keines Dings dann spürt’ er Mangel.

That er von den Gräueln schreiben, Aufruhr, Propagand’ und Mord, Immer war sein kluges Wort: Wahrlich das kann so nicht bleiben!

Trübt ihm Frankreichs Sieg die Stunden, Gerne fuhr er aus aufs Land. Niemals wenn er dort sich fand, Ward er in der Stadt gefunden.

Auf dem Land auch nimmer müßig Schrieb er selbst sich manchen Brief. War das Schreiben apokryph, So war Antwort überflüßig.

Fürsten die ihm hold gewesen, Schrieb er noch, eh er entschlief. Schrieb’ er mehr im nächsten Brief, Mehr auch hätten sie gelesen.

Dienerhaft und unerthänig Trieb er mit der Wahrheit Spiel. Sezt er eine Null zu viel, So war keine Null zu wenig.

Sonder Grund ist man verwundert, Daß sich Rum erschrieb der Tropf. Hatt’ er Ruhm, so hatt’ er Kopf: Wett’ ich sieben gegen hundert.

Was er druckte, Text und Noten, Machte manchem Schafskopf Spass. Wenns der Censor gerne las, Wards vom Censor nie verboten.

Seines Kopfes Widersacher Tauft’ er zu Rebellen um. Ward wer lachen konnte stumm, Minder wurden dann die Lacher.

Guten Wein und gutes Eßen Fodert’ er für seinen Tisch; Bei Pasteten Austern Fisch Kont er Grütz und Wurst vergeßen.

Welche Speise bläh und stopfe, Wußt er auf ein Härchen auch. Wars verstopft in seinem Bauch, Dann wars nicht allein im Kopfe.

Arznei in kleinen Prisen Nahm er selten nur und kurz. Schnupft er öfter Niesewurz, Oefter kam er dann zum niesen.

Weint und klagt, obgleich vergebens! Klagt und weinet, wer es mag! Seines Todes erster Tag War der lezte seines Lebens.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Nänie

Interpretation

Das Gedicht "Nänie" von Heinrich Christian Boie ist eine satirische Elegie auf einen Mann von Ehre, der als "Herr von Schafskopf" bezeichnet wird. Der Autor beschreibt den Verstorbenen als eine Person, die trotz ihres Todes noch immer Einfluss und Wirkung entfaltet. Die Zeilen deuten darauf hin, dass der Mann einflussreich war, da selbst Minister erstaunt waren über seine Lehren und Ratschläge. Seine Fähigkeit, die Zukunft vorauszusagen, wird hervorgehoben, wobei er selbst dann, wenn er falsch lag, die Zukunft als zu düster empfand. Die Interpretation geht weiter und beschreibt den Verstorbenen als jemanden, der Lob und Anerkennung von den Großen suchte und dabei geschickt mit der Wahrheit umging. Er war in der Lage, sich selbst zu versorgen und hatte keine Mangel an den Dingen, die ein Mensch benötigt. Der Autor erwähnt auch seine Schriften über Gräueltaten wie Aufruhr, Propaganda und Mord, wobei er stets betonte, dass solche Zustände nicht von Dauer sein können. Der Verstorbene fand Trost auf dem Land, wenn Frankreichs Sieg seine Stunden trübte, und war dort nie untätig, selbst wenn er Briefe schrieb. Die letzte Interpretationsebene beleuchtet die Beziehungen des Verstorbenen zu Fürsten und seine Art, mit der Wahrheit umzugehen. Er schrieb noch bevor er starb an die Fürsten, die ihm wohlgesonnen waren, und spielte mit der Wahrheit auf eine dienstbare und unerträgliche Weise. Der Autor deutet an, dass der Verstorbene in seinem Kopf oft mit Nullen jonglierte, was auf eine gewisse Leichtfertigkeit oder Übertreibung hindeutet. Trotzdem wurde er für seine Texte und Noten geschätzt, und selbst der Zensor fand Gefallen an seinen Werken. Der Verstorbene nannte seine Widersacher "Rebellen" und hatte eine Vorliebe für guten Wein und Essen, wobei er auf seine Gesundheit achtete und nur selten und kurz Medizin nahm.

Schlüsselwörter

hatt schrieb starb schafskopf selbst schreiben gerne land

Wortwolke

Wortwolke zu Nänie

Stilmittel

Ironie
Lob der Großen war der Angel Den er aus nach Gelde warf
Metapher
Seines Kopfes Widersacher Tauft' er zu Rebellen um
Personifikation
Dienerhaft und unerthänig Trieb er mit der Wahrheit Spiel
Synästhesie
Guten Wein und gutes Eßen Fodert' er für seinen Tisch