Nänie
1799Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget, Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus. Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher, Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk. Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde, Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt. Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter, Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt. Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus, Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn. Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt. Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich, Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
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Interpretation
Das Gedicht "Nänie" von Friedrich von Schiller thematisiert die Vergänglichkeit des Schönen und die universelle Trauer um den Verlust von Vollkommenheit. Es beginnt mit der Feststellung, dass selbst die Schönheit dem Tod unterliegt, der selbst die Götter nicht verschont. Die Liebe ist die einzige Kraft, die den Herrscher der Unterwelt, Hades, erweichen konnte, doch selbst er musste sein Geschenk zurückrufen. Die mythologischen Beispiele von Adonis und Achilles verdeutlichen, dass weder Aphrodite noch die unsterbliche Mutter ihre geliebten Helden vor dem Schicksal bewahren konnten. Die Trauer um den Verlust des Schönen wird von den Göttern und Göttinnen geteilt, die um den verherrlichten Sohn des Nereus weinen. Diese kollektive Klage unterstreicht die Bedeutung und den Wert des Schönen in der Welt. Schiller betont, dass es eine Ehre ist, selbst zum Gegenstand eines Klageliedes zu werden, da dies die Erinnerung an das Schöne und Vollkommene bewahrt. Im Gegensatz dazu geht das Gemeine lautlos in den Hades hinab, ohne Beachtung oder Trauer. Das Gedicht reflektiert über die Unausweichlichkeit des Todes und die damit verbundene Trauer, aber auch über die erlösende Kraft der Kunst und der Erinnerung. Indem Schiller die Schönheit und Vollkommenheit in den Mittelpunkt stellt, verleiht er ihnen einen dauerhaften Platz in der menschlichen Kultur und im kollektiven Gedächtnis. Die "Nänie" wird so zu einem Lobgesang auf das Schöne, das durch die Kunst und die Trauer um seinen Verlust unsterblich wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
- Anapher
- Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde, Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter
- Hyperbel
- Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
- Kontrast
- Auch das Schöne muß sterben!
- Metapher
- Da das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
- Parallelismus
- Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle
- Personifikation
- Auch das Schöne muß sterben!