Nächtliches Wiederfinden
1845Ich habe dich gehört, doch nicht gesehn — Die Nacht wand neidisch dich in ihre Schleier, Mich traf nur deiner Worte süßes Wehn, Mein Auge glühte, und — mein Herz schlug freier.
Denn in der Flamme, die zu deinem Bild Aus meinem Aug gelodert durch das Dunkel, Glaubt ich dein Wesen liebevoll und mild Verklärt zu sehn durch meiner Glut Gefunkel.
Da zog mit seiner ganzen Seligkeit Das tote Glück im Traum an mir vorüber — Ein süß Erinnern einer schönen Zeit, — Und wieder ward mirs vor dem Auge trüber.
Und nur gehört hab ich dich — nicht gesehn. So wie ich oft mit traumerfülltem Haupte, Entfernt von deiner Worte süßem Wehn, Dein schönes Angesicht zu sehen glaubte!
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Interpretation
Das Gedicht "Nächtliches Wiederfinden" von Hermann Rollett handelt von einem nächtlichen Wiedersehen mit einer geliebten Person, das nur im Traum oder in der Vorstellung stattfindet. Der Sprecher hört die Stimme der Geliebten, kann sie jedoch nicht sehen, da die Nacht sie in ihre Schleier hüllt. Trotzdem spürt er die Süße ihrer Worte und sein Herz schlägt freier. In der zweiten Strophe beschreibt der Sprecher, wie er in der Dunkelheit das Bild der Geliebten vor seinem geistigen Auge entstehen sieht, getragen von der Flamme seiner Sehnsucht. Er glaubt, ihr Wesen liebevoll und mild durch den Glanz seiner eigenen Leidenschaft verklärt zu sehen. Dies deutet darauf hin, dass die Erinnerung an die Geliebte vom Sprecher idealisiert und verklärt wird. In der dritten Strophe zieht das "tote Glück" in Gestalt der Geliebten im Traum am Sprecher vorüber. Es ist ein süßes Erinnern an eine schöne Zeit, die nun vorbei ist. Doch dieser Anblick trübt ihm vor dem Auge, was darauf hindeutet, dass die Erinnerung an die verlorene Liebe schmerzhaft ist und die Gegenwart trübt. Das Gedicht endet mit der Wiederholung des ersten Verses, dass der Sprecher die Geliebte nur gehört, aber nicht gesehen hat. Dies unterstreicht die Unerreichbarkeit der Geliebten und die Tatsache, dass die Begegnung nur in der Vorstellung stattfindet. Die letzten Zeilen deuten darauf hin, dass der Sprecher oft im Traum oder in der Vorstellung das schöne Angesicht der Geliebten zu sehen glaubt, wenn er von ihren süßen Worten entfernt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- süß Erinnern einer schönen Zeit
- Bildsprache
- Verklärt zu sehn durch meiner Glut Gefunkel
- Hyperbel
- Mein Auge glühte, und — mein Herz schlug freier
- Kontrast
- Ich habe dich gehört, doch nicht gesehn
- Metapher
- in der Flamme, die zu deinem Bild aus meinem Aug gelodert durch das Dunkel
- Personifikation
- Die Nacht wand neidisch dich in ihre Schleier
- Symbolik
- Das tote Glück im Traum an mir vorüber
- Wiederholung
- Und nur gehört hab ich dich — nicht gesehn