Nächtliche Scheu

Richard Dehmel

1863

Zaghaft vom Gewölk ins Land fließt des Lichtes Flut aus des Mondes bleicher Hand, dämpft mir alle Glut.

Ein verinter Schimmer schwebt durch den Wald zum Fluß, und das dunkle Wasser bebt unter seinem Kuß.

Hörst du, Herz? die Welle lallt: küsse, küsse mich! Und mit zagharter Gewalt, Mädchen, küss′ ich dich.

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Illustration zu Nächtliche Scheu

Interpretation

Das Gedicht "Nächtliche Scheu" von Richard Dehmel thematisiert die Ambivalenz zwischen Furcht und Verlangen in einer nächtlichen Szenerie. Die ersten Strophen beschreiben, wie das Mondlicht sanft über die Landschaft fließt und dabei alle Glut dämpft. Dies symbolisiert eine Art Beruhigung und Besänftigung, die jedoch auch eine gewisse Unsicherheit oder Scheu hervorrufen kann. In der zweiten Strophe wird die nächtliche Atmosphäre weiter vertieft. Ein "verinner Schimmer" schwebt durch den Wald zum Fluss, und das dunkle Wasser bebt unter seinem Kuss. Diese Bilder vermitteln eine intime, fast sinnliche Stimmung, die jedoch auch von einer gewissen Zögerlichkeit und Unsicherheit geprägt ist. Die Bewegung des Wassers und der Schimmer des Mondlichts schaffen eine Atmosphäre der Sehnsucht und des Verlangens. Die letzte Strophe bringt die Ambivalenz des Gedichts zum Ausdruck. Das Herz hört, wie die Welle fleht: "küsse, küsse mich!" Dieses Flehen wird von der zaghaften, aber bestimmten Antwort begleitet: "Mädchen, küss' ich dich." Hier wird die Spannung zwischen der nächtlichen Scheu und dem Verlangen nach Nähe und Intimität aufgelöst. Das Gedicht endet mit einer zögerlichen, aber entschlossenen Umarmung, die die Unsicherheit überwindet und die Sehnsucht erfüllt.

Schlüsselwörter

küsse zaghaft gewölk land fließt lichtes flut mondes

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Stilmittel

Metapher
des Lichtes Flut
Personifikation
mit zagharter Gewalt, Mädchen, küss′ ich dich