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Nächtliche Scheu

Von

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand,
dämpft mir alle Glut.

Ein verinter Schimmer schwebt
durch den Wald zum Fluß,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuß.

Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zagharter Gewalt,
Mädchen, küss′ ich dich.

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Gedicht: Nächtliche Scheu von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Nächtliche Scheu“ von Richard Dehmel beschreibt in zwei kurzen Strophen die Atmosphäre einer Nacht, in der eine stille, fast beängstigende Schönheit herrscht, und in der dritten Strophe einen daraus resultierenden Kuss zwischen einem Mann und einer Frau. Die poetische Sprache Dehmels schafft eine dichte Stimmung, in der Natur und Gefühl eng miteinander verwoben sind, wobei die anfängliche Scheu und Zurückhaltung im Verlauf des Gedichts durch eine leidenschaftliche Hingabe ersetzt werden.

Die ersten beiden Strophen erzeugen durch die Wahl der Worte eine Atmosphäre von Stille und Geheimnis. Das Licht des Mondes, das „zaghaft“ vom Gewölk fließt, wirkt weniger strahlend als dämpfend, was die „Glut“ des Erzählers erstickt. Die Verwendung von Begriffen wie „bleicher Hand“ und „verinter Schimmer“ verstärkt den Eindruck von Kühle und Distanz. Der Wald und der Fluss werden durch diesen „Schimmer“ belebt, der die Natur mit einer geheimnisvollen Aura umgibt. Das „dunkle Wasser“ des Flusses, das unter dem „Kuß“ des Schimmers bebt, deutet bereits auf eine unterschwellige Sehnsucht und auf das kommende Zusammentreffen der Liebenden hin.

Die dritte Strophe stellt einen deutlichen Bruch dar. Die Natur, die zuvor nur passiv beschrieben wurde, spricht nun direkt zum lyrischen Ich. Das „Herz“ wird angesprochen, und die Welle, die durch ihre „Lall“ (das Plätschern des Wassers) zum Küssen auffordert, fordert das lyrische Ich zum Handeln auf. Diese Aufforderung zur Hingabe, die mit einer „zagharter Gewalt“ beantwortet wird, zeigt das Wechselspiel zwischen Zögern und Leidenschaft, zwischen Scheu und dem Verlangen nach Vereinigung. Das Mädchen, das in dem Gedicht angesprochen wird, erfährt den ersten Kuss.

Das Gedicht zeigt, wie die Atmosphäre der Nacht die Sinne schärft und Emotionen verstärkt. Die Natur, die zunächst als distanziert und scheu beschrieben wird, fungiert als Katalysator für die Entfaltung der Gefühle. Das Gedicht endet mit einem Akt der Vereinigung, der sowohl von Zögern als auch von Verlangen geprägt ist. Dehmel gelingt es, die innere Spannung und das Wechselspiel der Emotionen in einer klaren, aber bildhaften Sprache einzufangen, die das Zusammenspiel von Natur und menschlichem Gefühl eindrucksvoll zum Ausdruck bringt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.